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Die Mondverschwörung

(Deutschland 2010; Regie: Thomas Frickel)

Mondspinner

foto: © w-film
In Thomas Frickels irr-lustigem Dokumentarfilm "Die Mondverschwörung" dreht sich alles um den Mond. Ganz besonders erforscht er die Kraftfelder der deutschen Esoterik- und Verschwörungstheoretikerszene und damit irgendwo auch die Schwarzen Löcher in der deutschen Seele. Ausgangspunkt ist ein amerikanischer Spinner, der Grundstücke auf dem Mond verkauft und einen kleinen Disput hatte mit einem deutschen Spinner, der den Mond für sich reklamiert - weil Friedrich der Große damals seinen Vorfahren den Himmelskörper per Urkunde geschenkt habe. Aber das ist natürlich Quatsch, auch im juristischen Sinn, wie ein Experte der Kölner Universität ausführlichst erläutert: Nach einem internationalen Abkommen von 1967 dürfen alle Himmelskörper keinem Staat und keiner Person gehören. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Film: er zeigt die abstrusesten Geschichten, die verrücktesten Gedanken, die bescheuertsten Weltanschauungen, und er zeigt vor allem, wie ernst es vielen Leuten damit ist.

Dafür bedient er sich eines einfachen, aber wirkungsvollen Tricks: er setzt einen Interviewer ein, der vorgeblich naiv und wohlwollend all den Spinnern zuhört, die da ihren Quark ausbreiten. Und weil der Mann mit dem Mikrophon so nett ist und so jovial nickt, plappern sie munter drauflos. Dennis R. D. Mascarenas ist dieser gemütliche Amerikaner, der die Deutschen erforschen möchte, ein dicker, behäbiger Mann irgendwo zwischen Michael Moore - wie er sich an die Gesprächspartner ranwanzt - und Alfred Hitchcock (in lustigen Filmtrailern oder "Alfred Hitchcock-Hour"-Anmoderationen) - wie er mit ironischem Gestus und lakonischem Humor alles mitmacht, was sich anbietet. Diese konstruierte Vermittlerfigur blickt tief in die Mond-Esoterik-Ecke, mit Mondgymnastik, -anbetung, -wasser. Und stößt dabei auf die merkwürdigsten Typen, die an positive Schwingungen und Energien, an allgegenwärtige Satanismen glauben, an Astralmächte und kosmische Engel. Ein schwäbischer Spinner aus dem anthroposophischen Breich grenzt sich dabei strikt ab von den Ufonauten, diesen Spinnern mit der anderen und gänzlich falschen Weltsicht, und vom nächsten Gesprächspartner wird Mascarenas gewarnt vor den giftigen organischen Zinnverbindungen auf den Euroscheinen, und jetzt wird es politisch: Das nämlich haben die Amerikaner verbrochen. Wie die Spinner freimütig gegenüber dem Amerikaner beklagen, der gutmütig nickt.

Das ist eines dieser höchst lustigen Momente, dass hier die Spinner jede Zurückhaltung vergessen, weil sie so froh sind, ihre Spinnereien ins Mikrophon, in eine Kamera verkünden zu dürfen - "Die Leute müssen ja gewarnt werden!" Und mehr und mehr gerät Mascarenas und der Film hinein ins urdeutsch-nationalmythisch-rechtsradikale Milieu. Amerikaner sind schuld, aber eigentlich vor allem die Juden, und das kann man sogar messen: an negativen Schwingungen und am Plutoniumgehalt der Menschen, vor allem der Politiker. Die ja, wie könnte es anders sein, alle zu Juden umgepolt wurden, von Strahlen aus dem Weltall natürlich, wobei es dagegen ein kraftvolles schützendes Symbol gibt. Und schon sind wir wieder bei zwei ganz anderen Spinnern, die, so scheint es, nicht antiamerikasemitisch eingestellt sind, weil sie ihre Weisheit direkt vom Erzengel Gabriel erhalten haben - sie fürchten auch nicht das Plutonium, sondern die Barium-Aluminium-Verbindungen in den Strahlen - doch das nur nebenbei.

Wichtiges Stichwort ist hier Neuschwabenland. Unter diesem Rubrum versammeln sich die nationalrechten Esoterikspinner. Hitler ist selbstverständlich nicht tot, sondern lebt am Südpol, bzw. im Erdinneren, bzw. ist mit seinen Diesseits-Jenseits-Sprüngen beschäftigt, die ihn jung erhalten. Der Weltraum ist natürlich das Territorium der Reichsdeutschen, denen von den Aldebaranern die Raumfahrt gelehrt wurde, die nun die Rückseite des Mondes bevölkern - es ist ja eine unbegreifliche Verbindung zwischen dem Makromultiversum und dem Mikroversum, klar: das Innere der Erde ist hohl, da leben die Atlantis-Überlebenden und die Reichsdeutschen, die unter der Erlöserfigur Hitler mit ihren untertellerförmigen Raumschiffen dereinst das jüngste Gericht halten werden: steht doch alles in der Offenbarung!

Ein unglaubliches Sammelsurium von Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die fundamental alles in einem neuen Licht erscheinen lassen, erforscht Mascarenas hier, bzw. Regisseur Thomas Frickel. Und das ist überaus witzig und immer wieder auch sehr erschreckend, was sich da an verquerem Denken auftut - und man kann hoffen, dass aus dem Denken dieser Spinner kein Handeln wird. Dramaturgisch ist das recht simpel gemacht, ohne größere Steigerung außer der, dass auf jede Theorie noch eine weitere, obskurere, absurdere draufgeschichtet wird. Tiefe Erklärungen für das Bedürfnis nach derartigen Welterklärungsversuchen darf man nicht erwarten, die sind aber auch gar nicht nötig. Frickel und sein Mascarenas-Maskottchen folgen einfach dem Weg der Spinner, ohne vordergründig belehren zu wollen: die Strategie ist Einfühlung, und vermutlich deshalb ließen sich so viele vor der Kamera aus mit ihren irrationalen Abstrusitäten, an die sie so fest glauben.

Ein Ende ist auch am Filmende nicht abzusehen, ein großes Zusammenfassen ist unmöglich, klar ist nur, dass alles mit allem zusammenhängt. Frickel und sein Mascarenas kommen da nur raus mit der Pointe, dass der Protagonist ob all dieser verwirrend-widersprüchlichen Glaubensbekenntnissen verrückt wird - ein etwas billiger Gag, aber wie hätte man sonst einen Abschluss finden sollen?
Im Abspann werden jedenfalls nicht nur die Gesprächspartner aufgeführt, die im Film vorkommen, sondern eine mindestens ebenso lange Liste an Idiosynkratikern, die nicht auftauchen; darunter ein Chronologiekritiker, ein Reichskanzler und ein Hasser des Brandenburger Tores.

Harald Mühlbeyer

Benotung des Films: (9/10)


Die Mondverschwörung
OT: Die Mondverschwörung
Deutschland 2010 - 86 min.
Regie: Thomas Frickel - Drehbuch: Thomas Frickel - Produktion: Thomas Frickel - Kamera: Thomas Frickel - Musik: Dietmar Staskowiak - Verleih: W-Film - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: (Mitwirkende) Dennis R.D. Mascarenas
Kinostart (D): 21.04.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1849755/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/die_mondverschwoerung/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22054/DIE-MONDVERSCHWoeRUNG/Kritik/

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