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The Artist

(Frankreich / Belgien 2011; Regie: Michel Hazanavicius)

Tonlos, aber laut und sichtlich stolz

foto: © delphi
Tonlos, aber laut und sichtlich stolz: der Retro-Stummfilm "The Artist"

Wir schreiben Hollywood 1927. Ein alternder Stummfilmabenteuerheld erlebt einen jähen Abstieg; ein junges Starlet, offenherzig gegenüber dem aufkommenden Tonfilm und Leuten im Allgemeinen, steigt allmählich auf. Beide grinsen: sie vor Elan, er zunächst in draufgängerischem Stolz. Und der wird sein Verhängnis: Er verweigert Sprechrollen, fällt in Suff, Armut, Depression bis hin zu Selbstmordabsichten. Kann das Herz der jungen Kollegin ihn retten?

Die rise and fall-Parallelstory fällt weit hinter den Grad an Komplexität, Reflexivität, Witz und Rührung jener Hollywood-Filme zurück, von denen sie abkupfert (die 1937er und 1954er Version von "A Star Is Born", die Tonfilmeinführungsmusicalsatire "Singin′ in the Rain" von 1952; die wenig einträgliche Auktion des einstigen Stars stammt aus Vincente Minnellis "The Band Wagon", 1953), und sie wäre nicht der Rede wert, käme sie nicht ohne Rede aus. "The Artist" spielt nicht nur im Übergang zum Tonfilm, sondern ist selbst ein - nein, kein Tonfilm, sondern ein Stummfilm. Mit Zwischentiteln, in Schwarzweiß.

Abbildung des Inhalts in der Form: Das gilt hier auch für die Selbstüberschätzung des Helden, der artist sein will. Inszeniert vom Franzosen Michel Hazanavicius (mit dem Cast seiner auf ihre Art ebenfalls im Retro-Styling schwelgenden, regional erfolgreichen "OSS"-Agentenparodien: Jean Dujardin, Bérénice Bejo), versprüht "The Artist" Gesten des back to the roots, die treffsicher ankommen: Cannes und die Golden Globes vergaben Awards, Kritiken künden von wiedergefundener Liebe zur Essenz des Kinos, und wer mitreden will, muss diesen Film ohne Worte offenbar gesehen haben. Ist "The Artist" also vorwiegend kultursoziologisch interessant, als Geschmacksdistinktionsvehikel für den Feinspitz in uns oder den inneren Bildungsbürger, der ins Kino slummen geht und nun stolz sein kann, einen Stummfilm ausgesessen zu haben, der ohnehin als crowd-pleaser angelegt ist? Jedenfalls muss man einiges darüber lesen und sich anhören, was dieser Film uns nicht alles gibt, das so lang an den Ton verloren war, und strukturell ist dieser Diskurs analog zu jenem Gerede, das glauben machen will, erst mit dem Einsatz von 3-D-Technik könne das Kino Tiefenwirkung erzeugen. (Als gebe es nicht haufenweise - zweifellos sprödere - Tonfilme, die wie "The Artist" fast ohne Sprechen, mit wenig Geräusch und flächendeckendem Musikeinsatz daherkommen. Und wer auf Zwischentitel gar nicht mehr verzichten mag, kann sich ja an Mel Brooks´ "Silent Movie" von 1976 ergötzen.)

Allein, eine solche ganz auf seinen Sinn als Konsum-Event und gemeinschaftserzwingende Diskursplattform abzielende Einschätzung wird diesem Film nicht gerecht; dafür ist manches an "The Artist" dann doch zu drollig - und manches zu ärgerlich (weil drollig). Der Film bietet einige Beglückungen, die an Belästigung grenzen: Gags mit Hunderl (die sich in ach so witzigen Juryentscheidungen zur Vergabe von Spezial-Awards für tierische Darsteller fortsetzen), grinsender Chame bis zum Abwinken, plärrende Musik, die sich im Ton vergreift, indem sie sich in "Vertigo" vertieft, in den Score zu Hitchcocks Ichspaltungsklassiker von 1958. So als ginge es in "Vertigo", aus dem "The Artist" vor allem das Musikthema der Rundum-Kamerafahrt-Kussszene zwischen James Stewart und Kim Novak zitiert, darum, in der Hingabe an fetischistisch-illusionäre Wiederbelebung vergangener Vor-Bilder sein Heil zu finden - wie es der neoliberale Selbstkorrektur- und Selbstneuerfindungsplot und das "Lass dich verzaubern"-Diktat von "The Artist" propagieren. (Wobei gilt: Nichts gegen Fetisch und Illusion, aber alles gegen das Heil.)

Anderseits sind da gediegene klassizistische Bildregie und Dekors; eine hübsche Frackpantomime; lustige Variationen von Ton-Bild-Beziehungen in alptraumhaften Szenen, die sich auf die drohende tönende Welt beziehen; weiters John Goodman (der in einer früheren Phase der Retrokultur, 1991 in "Barton Fink" und 1993 in "Matinee", in Satiren über Irrsinn und Marotten des alten Hollywood mitwirkte) in einer kleinen Rolle als Studioboss; ein netter Namensgag, dem zufolge die weibliche Hauptfigur Peppy Miller akronymisch so heißt wie die Darstellerin ihrer Rivalin, Penelope Ann Miller; schließlich ein streberhaftes, aber starkes Step-Finale. Ganz am Ende gibt es den ersten Ton aus menschlichem Mund - ein angespanntes Keuchen nach absolvierter Glanztanznummer - und dann den einzigen Sprechton: ,,Can you do one more?" wird das neue Traumpaar vom Regisseur des Films-im-Film gefragt, und der rundumerneuerte Star erwidert strahlend: "With pleasure!" Nachdem hier alles Selbstabbildung eines gewitzten Kalküls ist, muss man das fast als Ankündigung verstehen, dass da noch mehr kommt. What will they think of next? Stummfilm - der neue Hype: Angeblich wird ,,Avatar 2" nun ohne Ton und in Blauweiß gedreht.

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Drehli Robnik

Benotung des Films: (4/10)


The Artist
OT: The Artist
Frankreich / Belgien 2011 - 100 min.
Regie: Michel Hazanavicius - Drehbuch: Michel Hazanavicius - Produktion: Thomas Langmann, Emmanuel Montamat - Kamera: Guillaume Schiffman - Schnitt: Anne-Sophie Bion, Michel Hazanavicius - Musik: Ludovic Bource - Verleih: Delphi - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Malcolm McDowell
Kinostart (D): 26.01.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1655442/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/the_artist/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22106/THE-ARTIST/Kritik/

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Die Menschen, die Bakterien und die guten alten Viren, eine faszinierende Melange, die in der Menschheitsgeschichte immer wieder für Wirbel und Elend und in der Fernseh- und Filmgeschichte für spannende und gute Unterhaltung gesorgt hat. Epidemien und Pandemien führten zu grausamen Szenarien in der Menschheitsgeschichte und in der Medienhistorie zu erregend apokalyptischen Fantasien, die auch mit der Lust an einer Angst vor der totalen Auslöschung der Menschheit einhergingen. Die aufrüttelnde Vision einer menschheitsvernichtenden General-Infektion zum Tode einerseits, andererseits die Infektion als soziopsycholische Parabel vom normativen gesellschaftlichen und ökonomischen Anpassungsdruck. Hier können als Beispiel etwa die normierten und gefühllosen menschenfressenden Zombies - und ihr ganz autonomes Virus-Genre der Zombiefilme - angeführt werden. Eines ist sicher: Je mehr Vernetzung und internationale und globale Unüberschaubarkeit entsteht, desto größer wird eine (auch unbewusste) Angst vor Kontrollverlust, Deregulierbarkeit und nicht zuletzt Bedrohung durch eine Masse von nicht mehr erfassbaren Daten, Dateien, digitalen und - implizit - biologischen Viren empfunden werden, die sich immer wieder Ausdruck verleihen wird durch die beliebte mediale Beschäftigung mit diesem Thema.

Ähnliches werden sich auch gedacht haben einige der "Macher" (i.e.: Produzenten) von bekannten Fernsehserien bzw. Kinoflmen wie: Battlestar Galactica, Star Trek, Contact, Lost, CIS: Miami, oder Akte X. Sie haben gemeinsam die neue Fernsehserie HELIX ausbaldowert, ein für den Science-fiction Pay-TV-Sender SyFy und dessen in die Zukunft entrücktes und zahlendes Publikum wohl wie geschaffenes Produkt, das von einer Polarstation handelt, auf der ein fieses Virus erforscht werden soll, welches die ganze Menschheit bedroht. Aber damit nicht genug: Es lauert noch eine viel fiesere Erkenntnis am Nordpol. Wird aber von SyFy nicht verraten. Auch zu sehen vorab ist für den Autor dieser Zeilen noch nichts, außer alles oder nichts sagenden Trailern, wie dem hier nebenan. Was sagte schon der gute alte Wittgenstein? Worüber man nicht reden kann, darüber muss man plappern.
Hoffe, ich habe dem, und dem Sponsoring, hiermit Genüge getan. - HELIX - Ab 10. April immer donnerstags um 21:00 Uhr auf SyFy. (Dieser Text wurde gesponsert).

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