filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Magische Momente 22

Klaus Kreimeier

Sous le sable (Unter dem Sand)


ein film über das verschwinden: "unter dem sand" (foto: © alamode)


Das letzte Bild in François Ozons "Sous le sable" (Unter dem Sand, Frankreich 2000) entlässt den Zuschauer zutiefst verstört. Eine Frau, noch nicht alt und nicht mehr jung, läuft über einen Strand. Der Himmel ist grau, der Strand menschenleer, nur in der Ferne steht, dicht am Wasser, eine männliche Gestalt. Es gibt nur den feinen weißgelben Sand, das Meeresrauschen, den grenzenlosen Himmel, und da ist die Frau (Charlotte Rampling), die läuft und läuft und immer kleiner wird, sie läuft auf die männliche Gestalt zu, doch bevor sie sie erreicht, wird das Bild schwarz.

Das Bild ist dreigeteilt: links die karg bewachsenen Dünen, in der Mitte der fahle Strand, rechts das Meer, die Schaumkronen auf den Wellen, klein im Hintergrund der Mann. Marie hat ihn wahrgenommen, als wäre sie aus einem Albtraum aufgewacht - sie läuft, zögernd zunächst, dann schneller in die Tiefe des Bildes, und während sie läuft, mischen sich in das Rumoren des Meeres verhalten ein paar Takte von Philippe Rombis Musik. Die Spur, die Maries Laufen in den Sand zeichnet, wird länger und länger, doch wenn sie selbst ganz klein geworden ist, fast so klein wie die Gestalt, auf die sie zuläuft, gibt es plötzlich einen Punkt, an dem zu erkennen ist, dass der Abstand zwischen ihr und dem Mann sich nicht verringern wird. Wir erkennen: Sie wird ihn nicht erreichen, der Abstand zwischen Marie und ihrem toten Ehemann Jean (Bruno Crémer) ist unendlich groß.

"Sous le sable" ist ein Film über das Verschwinden. Über die Leere, genauer: die Leerstelle, die ein Verschwundener im Leben eines anderen Menschen hinterlässt. Und darüber, wie dieser andere Mensch versucht, die Leerstelle durch Leugnen, durch Nichtwahrhaben-Wollen aus dem Leben, aus der Welt zu schaffen. Für Marie ist Jean "nicht da", aber er ist nicht tot. Charlotte Rampling spielt eine Frau, die sich selbst etwas vorspielt, die sich ihr Leben vorspielt, als wären seine Koordinaten nicht zerstört. Alles, was sie nach Jeans Verschwinden unternimmt, steht unter dem Vorbehalt eines "Als ob": als ob es möglich wäre, wie zuvor ihrem Beruf als Dozentin nachzugehen, als ob es sich von selbst verstünde, ganz locker im Freundeskreis zu verkehren und mit einem anderen Mann zu schlafen. Und wie sie das spielt, wird immer deutlicher, dass sie eine unerträgliche, die Seele zerfressende Trauer in sich niederkämpft. Den Kampf gibt sie nicht auf, selbst dann nicht, als ihr die Polizei beweist, dass ihr Mann vor Monaten im Meer ertrunken ist.

Jemand ist da - und wenige Augenblicke später verschwunden: Ozon zeigt, wie unfasslich für uns die Wahrnehmung der Leerstelle, die Plötzlichkeit des Alleinseins sind, und seine Mittel sind die der äußersten Reduktion. Ein Drama der Lautlosigkeit, fast ohne Worte die Szene am sommerlichen Strand zu Beginn des Films: Marie liegt bäuchlings im Sand, Jean will schwimmen, er geht einfach aus dem Bild. Sie döst ein bisschen, Kinderstimmen wecken sie, sie blickt sich um, sieht, dass Jean nicht da ist, sie greift nach der Wasserflasche, trinkt, zieht ein Buch aus ihrer Tasche, liest, legt das Buch wieder hin, richtet sich auf, blickt um sich, blickt aufs Meer... Sie wird "unruhig", und mit dieser Unruhe beginnt ihr Kampf. Sie verliert ihn erst im letzten Bild.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: ray Filmmagazin

Hier geht's zu allen "Magischen Momenten"

Artikel teilen:          
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FRK, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...