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Magische Momente 06

Klaus Kreimeier

Ladri di biciclette


 szene aus "fahrraddiebe" (foto: © alamode)


Im Märchen sind Gut und Böse in der Regel eindeutig markiert, und ebenso übersichtlich sind Tugenden wie Freigebigkeit und die Bereitschaft zu teilen den Habenichtsen, Hartherzigkeit und die Neigung zur bösen Tat eher den Geldsäcken zugeordnet. In "Ladri di biciclette" ("Fahrraddiebe", 1948), jenem neorealistischen Märchen von Vittorio de Sica, das eine sehr alltägliche Geschichte aus dem Milieu der Arbeitslosen im Rom der frühen Nachkriegsjahre mit ihren vielfachen, gewöhnlichen und ungewöhnlichen Verästelungen erzählt, bleibt die Regel gewahrt - und erfährt am Ende doch eine behutsame Korrektur. Antonio Ricci, ein hagerer Prolet, liebevoller Familienvater und zäher Unglücksrabe, dem sein Fahrrad geklaut wurde, ist selbst zum Dieb geworden, und es ist das "Volk", es sind seine Klassengenossen, die nach der Polizei rufen und Bestrafung fordern. Der Eigentümer des gestohlenen Rades jedoch verzichtet, mit einem nüchternen Blick auf Riccis kleinen Sohn, auf eine Anzeige. Antonio kann, wenn auch tief gedemütigt, seiner Wege gehen. Sehr sachlich, ohne Gefühlsaufwand, fast bürokratisch lenkt de Sica mit einer minimalen Umdeutung den Film in ein zwiespältiges Happy end.

Antonio benötigt das Fahrrad, um seinen Job als Plakatkleber zu behalten. Ohnmacht, Verzweiflung, Panik treiben ihn, wider seinen Willen, zum kriminellen Handeln. Asketische Bilder zeigen, wie es dazu kommt: eine schwarzweiß fotografierte Welt, von der Kamera in Flächen aus grellem Sonnenlicht und tiefen Schattenzonen geometrisch aufgeteilt. Antonio und sein Sohn Bruno hetzen durch leere Straßen in einem Außenbezirk Roms, wortlos, begleitet von einer unbehaglich sirrenden Musik. Musik wie Stacheldraht. Mittagsglut treibt den beiden den Schweiß auf die Stirn. Unvermittelt stehen sie der monumentalen Fassade des Stadio Nazionale aus Mussolinis Zeiten gegenüber. Eine Wolke von Geschrei hängt in der Luft, signalisiert das Ende eines Fußballspiels. Bruno setzt sich erschöpft auf eine Bordsteinkante, streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht. Entgeistert blickt sein Vater auf die Radfahrer, die an ihm vorbeisausen, auf die Fahrräder, die in langer Reihe vor dem Stadion auf ihre Besitzer warten, auf die Zuschauer, die aus dem Stadion strömen und sich auf ihre Räder schwingen. Wohin er blickt: Fahrräder. Der Junge beobachtet seinen Vater und sieht, was dieser sieht: Ein einzelnes Fahrrad steht wie vergessen nur ein paar Schritte weiter an einer Hauswand. Antonio will seinen Sohn nach Hause schicken, will ihn wegschaffen, genauer: er will das, was nun folgt, aus seinem Sichtfeld schaffen. Der Kleine zögert erst, geht dann ein paar Schritte, bleibt schließlich stehen und wird Zeuge, wie sein Vater zum Fahrraddieb wird.

Die Außenwelt sei ein Spiegel innerer Vorgänge - so deuten uns gern die Experten die Beschreibungsakte der Malerei oder der Literatur. Filme sind anders. Filme malen und beschreiben nicht, sie zeigen etwas, und die Welt, die sie herstellen, ist eine Konstruktion. Vittorio de Sica zeigt uns, wie das Rom der Nachkriegszeit in der Mittagsglut aussieht, und er zeigt, wie zwei Menschen durch leere Straßen laufen. So wie er die Stadt aus grellweißen und tiefschwarzen Flächen zusammensetzt, setzt er das, was geschehen wird, wie ein Linienmuster aus Blicken und Blickachsen zusammen. Und der Blick des Zuschauers ist einmontiert in diese Konstruktion.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: ray Filmmagazin

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