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Alphabet

(Österreich / Deutschland 2013; Regie: Erwin Wagenhofer)

Wir Tiefbegabten

foto: © pandora
Wer sich die Schule ansieht, sieht sich auch die Gesellschaft an, und wer die Schule kritisiert, kritisiert gleich die Gesellschaft mit. In Erwin Wagenhofers ("We Feed the World", "Let′s make Money") neuem Dokumentarfilm "Alphabet" aber wird nicht nur kritisiert, wie den Menschen eine auf Konkurrenz und Leistung hin getrimmte Pädagogik krank und unglücklich machen kann, es wird auch ein pädagogisches Gegenmodell entworfen, welches A.S. Neill, der Begründer der Summerhill-Schule und der "Antiautoritären Erziehung", sicherlich gerne mitunterschrieben hätte. Das Interessante dabei: manche der Befürworter einer neuen und freien, nennen wir sie: "Nicht-Schule", die in diesem Film zu Wort kommen, stammen aus eher pädagogikfernen Bereichen, wie z.B. der Top-Manager Thomas Sattelberger, welcher nach einer erfolgreichen Karriere bei Lufthansa oder Telekom sich gegen eine systematische pädagogische "Verklonung" des Menschen ausspricht.

Besonders signifikant für diese hier kritisierten "Zurichtungen" sind Entwicklungen ausgerechnet in der Volksrepublik China, in der sich das Bildungssystem nach der Zuwendung zur Marktwirtschaft wohl radikaler in ein Leistungs- und Konkurrenzprinzip gewandelt hat als irgendwo sonst in der Welt. Bei den weltweiten PISA-Studien rangieren die Bildungsstandards der Kinder von China ganz oben, was de facto bedeutet, dass chinesische Kinder von klein auf mit Wissen vollgestopft werden, dass Prüfungen zum Kinderalltag gehören, dass Kinder sich nicht mehr ausruhen dürfen, dass Kinder auf ihre Eltern neidisch sind, weil die wenigstens noch ein Wochenende haben.

Seit Jahren ist Suizid die häufigste Todesursache bei Chinas Jugendlichen, merkt Professor Yang Dongping besorgt an, Leiter der staatlichen Organisation "Bildung des 21. Jahrhunderts", und er beschreibt eine radikale Veränderung von einer Schule, in der das gemeinsame Lernen im Mittelpunkt stand, hin zu einer Schule, in der es nur noch darum geht, besser als die anderen zu sein und schneller vorgefertigte Inhalte unhinterfragt zu übernehmen, um schnell Karriere machen zu können.

Man muss bereit sein, Freizeit, Familie, Privatleben für den Beruf, die Karriere, sprich: den Markt, zu opfern. Diese Terminologie von Managerschulen, so Wagenhofer, erinnert nicht zufällig an frühindustrielle bzw. preußisch militaristische Zeiten, wenn propagiert (und praktiziert) wird, dass "für den Unternehmenserfolg alle Mittel erlaubt" sind und von "Angriff und feindlichen Übernahmen" gesprochen und gedacht wird. Es geht um Angsteinflößung zum Zweck der Anpassung.

Wenn man dem Film "Alphabet" Glauben schenken mag, dann steht der Welt ein Paradigmenwechsel bevor. "Angst", darin sind sich die Befürworter der hier propagierten alternativen Pädagogik einig, ist ein schlechter Pädagoge, und statt Angst müsse "Liebe" die Basis des Lernens bilden. Liebe und Vertrauen in das Kind, das ja von Natur aus neugierig sei, das alles lernen könne, wenn es nur von sich aus wolle. Einen Menschen zu "bilden" sei unmöglich, und schon das "Alphabet"-Filmplakat, das (ein Baby unter Wasser greift nach der Weltkugel) offenbar vom Nirvana-"Nevermind"-Cover inspiriert ist, verkündet: "98 % aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt, nach der Schule sind es nur noch 2 %." (Dasselbe höre ich ständig von meiner Yoga-Therapeutin über mich). Tanzen, Musizieren und Malen, darin scheinen sich alle das Worthabenden einig zu sein, ist das Essentielle, was zu praktizieren sei, der Rest käme von selbst (auch hierin stimmen alle meine versammelten Therapeutinnen überein).

Aber, so ließe sich ein Einwand formulieren, was wäre, wenn alle nur das tun würden, was sie glücklich macht? Dann wäre doch kein Mensch mehr form-oder manipulierbar? Wie stellen sich Filmemacher Wagenhofer und seine Gesinnungsgenossen Gerald Hüther, Thomas Sattelberger, Sir Ken Robinson, Yang Dongping oder Arno Stern denn dann die Zukunft des Kapitalismus vor? Gar nicht? Aber wäre das nicht traurig: eine Welt ganz ohne Angst und Armut und Unterdrückung und Ausbeutung? Ich meine, ein bisschen Thrill muss doch schon bleiben?

Sicherlich merkt der Leser, dass hier Humor obwaltet, aber mal im Ernst, welches Wolkenkuckucksheim schwebt euch eigentlich vor? Man kann ja schon froh sein, wenn irgendwann nach der Bundestagswahl ein Mindestlohn von 10 Euro durchgesetzt würde. - Nichtsdestotrotz, Genossen und Andersdenkende, spricht "Alphabet" die Wahrheit und er verdient das Angesehenwerden, ebenso wie die Schule und die Gesellschaft, und wie die dann wiederum Kritik verdienen! Aber volle Ölle. Danke für Aufmerksamkeit.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Andreas Thomas

Benotung des Films: (8/10)


Alphabet
Österreich / Deutschland 2013 - 90 min.
Regie: Erwin Wagenhofer - Drehbuch: Erwin Wagenhofer - Produktion: Viktoria Salcher, Mathias Forberg - Kamera: Erwin Wagenhofer - Schnitt: Michael Hudecek - Musik: André Stern - Verleih: Pandora - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Gerald Hüther, Yakamoz Karakurt, Ken Robinson, Thomas Sattelberger, Andreas Schleicher, Himself, André Stern, Arno Stern
Kinostart (D): 31.10.2013
DVD-Start (D): 23.05.2014
Blu-ray-Start (D): 23.05.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3215346/?ref_=ttfc_fc_tt

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 1.85:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - Extras: Audiokommentar von Erwin Wagenhofer, Interview, Trailershow - FSK: ohne Altersbeschränkung - Verleih: Pandora

Trailer:


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Kommentare


Einträge: 1

Andrea schrieb am 14.11.2013 um 13:20 Uhr :

Ich kann nur empfehlen, den Film sich mal anzuschauen. Wenn man den Film Glauben schenken darf, sieht die heutige Schulwelt doch um einiges anders aus als noch zu meiner Schulzeit (Abi 1995) und dass Kinder kaum noch Freizeit haben und anscheinend unter einem enormen Druck stehen, finde ich schon sehr bedenklich. Man muss die Schulwelt vielleicht ja nicht ganz so sehr umwandeln, wie im Film beschrieben. Aber Finnland macht es uns doch schon vor, dass es anders geht mit guten Ergebnissen mit insgesamt weniger Schulstunden. In der Kindheit sollte man auch noch genügend Zeit haben Kind zu sein. Der Film liefert meiner Meinung nach dazu ein paar wertvolle und interessante Denkanstöße.





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