filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Nordstrand

(Deutschland 2013; Regie: Florian Eichinger)

Spröder werden

foto: © farbfilm
Es mag eine etwas exzentrische Feststellung sein, aber das größte Vergnügen bei "Nordstrand" stellt sich beim zweiten Sehen ein. Dann hat man die Geschichte, die der Film auch erzählt, die er als Echo der Vergangenheit und als Puzzle präsentiert, verstanden und kann sich nun daran machen, all die kleinen und großen Verstöße gegen das konventionelle Erzählen, die sich der Film bewusst und lustvoll herausnimmt, als Qualität zu begreifen und zu genießen.

In Florian Eichingers zweitem Spielfilm (schon das Debüt "Bergfest" konnte 2008 beeindrucken) treffen sich zwei Brüder nach Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, in ihrem Elternhaus wieder. This house is not a home, wie man so sagt. Noch möbliert, aber schon mit toten Ratten unterm Schrank und Marderschaden in der Küche. Marten, der ältere Bruder, lüftet erst einmal durch, während er auf Volker wartet. Während Marten dem jüngeren Bruder mit herzlicher, geradezu aufdringlicher Empathie entgegentritt, reagiert Volker verschlossen, brüsk und zurückweisend. Volker ist gekommen, um das Haus zu verkaufen und sich so von den Erinnerungen zu befreien. Marten dagegen träumt davon, wieder eine Familie zu werden. Eine Familie? Seit der Beerdigung des Vaters haben sich die Brüder kaum noch gesehen, aber jetzt, wenn die Mutter bald aus dem Gefängnis entlassen wird, könnte man doch ... Sagt Marten.

Bereits nach der Eröffnungssequenz, wenn der Vater seine Söhne beim Schnapssaufen erwischt - und nur Volker bestraft, ahnt man, worum es hier geht: die Familie als Terrorzusammenhang. Aber der Film hält diese Ahnung lange in der Schwebe, vertraut gerade darauf, dass die Brüder sehr lange erst einmal in der unmittelbaren Gegenwart agieren, bevor die Familiengeschichte einschießt. Erinnerungen kommen ins Spiel, die recht eindeutige Spuren legen, was sich in dem Haus einmal abgespielt hat. Verstohlene Blicke durch angelehnte Türen auf körperliche Auseinandersetzungen, die »harmlos« als Kraftprobe beginnen und dann in Gewalt umschlagen, vor der man die Augen verschließt, in andere Räume ausweicht, nicht zu Hilfe eilt, nicht zur Rede stellt. Der jüngere Sohn Volker, so wird schnell klar, war häufig das Opfer väterlicher Gewaltausbrüche, bevor die Mutter dem bösen Treiben ebenso gewaltsam ein Ende setzte.

Auf der Insel kursieren Gerüchte, was damals geschehen ist. Wenige Nebenfiguren etablieren einen überschaubaren Resonanzraum. Die Brüder kamen in eine Pflegefamilie, verloren sich dann aus den Augen. Jetzt müssten sie wieder miteinander sprechen, aber zunächst einmal wird über Bande gespielt: Volkers Ex-Freundin Enna taucht auf, die die Familie hat, die Volker nicht hat. Eine ehemalige Nachbarin schaut vorbei und fragt Volker, ob er sich als Opfer fühle. Tut er, weil er es war. Aber er jammert nicht, weil er in die Zukunft schaut. Sagt er zumindest.

Es ist hochinteressant zu verfolgen, wie Eichinger die Vergangenheit in die Gegenwart wirken lässt. Zwischen Alltagshandlungen schieben sich immer wieder recht unaufdringlich Sätze, die das Geschehen von damals virulent werden lassen. Aber es wird kaum erinnernd visualisiert. Welches Spiel Volker spielt, bleibt sehr lange im Ungefähren, während Marten weniger Geheimnisse zu haben scheint. Kurz vor Schluss schickt Volker der Mutter, von der er sagt, er würde nicht einmal deren Beerdigung besuchen, eine vergiftete Botschaft, die auch Marten empfängt. Klären sich die Fronten jetzt? Marten sucht die Konfrontation, die er, schwer krank, nur verlieren kann. Volker verhindert zwar das Schlimmste, um dann zum Abschied zu sagen: "Mach dir keinen Kopf! Ich war nie anders." Man glaubt ihm kein Wort, zweifelt sogar, dass es sich um Abschiedsworte handelt. Aber sicher kann man sich längst nicht mehr sein.

"Nordstrand", der zweite Teil einer Trilogie über häusliche Gewalt, macht es dem Zuschauer nicht leicht, Position zu beziehen. Das ist eine große Kunst und Qualität, die Florian Eichinger und seine vorzüglich agierenden Darsteller so gut beherrschen, dass man auf seine beiden folgenden Filme - der Schlusspunkt der Trilogie und anschließend ein neues Thema - schon jetzt sehr gespannt sein darf.

Ulrich Kriest

Benotung des Films: (6/10)


Nordstrand
Deutschland 2013 - 89 min.
Regie: Florian Eichinger - Drehbuch: Florian Eichinger - Produktion: Florian Eichinger, Cord Lappe - Kamera: André Lex - Schnitt: Jan Gerold - Musik: André Feldhaus - Verleih: Farbfilm - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Lennart Bartels, Luise Berndt, William Boer, Martina Krauel, Louis Lex, Daniel Michel, Martin Schleiß, Anna Thalbach, Jan Waßmuth, Rainer Wöss
Kinostart (D): 23.01.2014
DVD-Start (D): 22.08.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2526866/

Details zur DVD:
Bild: 2.35:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Farbfilm

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.04.2015

Big Eyes

(USA 2014; Tim Burton)
Dekors mit Glupschaugen von Wolfgang Nierlin

Ex Machina

(GB 2015; Alex Garland)
Gut gebaut: Bube, Boss, Beton, Robot von Drehli Robnik

Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang

(D / A 2015; Marcus H. Rosenmüller)
Ein Mann kann eine Brücke sein von Ulrich Kriest

Mülheim - Texas: Helge Schneider hier und dort

(D 2015; Andrea Roggon)
Charmant blödelnde Selbstinszenierung von Nicolai Bühnemann
kinostart: 16.04.2015

A Blast - Ausbruch

(GR / D / NL 2014; Syllas Tzoumerkas)
We didn't start the fire von Sven Pötting
kinostart: 09.04.2015

Art Girls

(D 2013; Robert Bramkamp)
Immer in Bewegung und prinzipiell unberechenbar von Ulrich Kriest

Elser

(D 2014; Oliver Hirschbiegel)
Bis zum Anschlag ausgeleuchtet von Dietrich Kuhlbrodt

The F-Word - Von wegen nur gute Freunde!

(IR / KAN 2013; Michael Dowse)
"Es ist cool, dass du auch alleine hier bist!" von Ulrich Kriest
kinostart: 02.04.2015

Das blaue Zimmer

(F 2014; Mathieu Amalric)
Ästhetisches Vexierspiel von Wolfgang Nierlin
kinostart: 26.03.2015

183 Tage - Der Auschwitz-Prozess

(D 2014; Janusch Kozminski)
Unangenehm nahe von Dietrich Kuhlbrodt

Eine neue Freundin

(F 2014; François Ozon)
Ich bin Frau von Wolfgang Nierlin

Ruined Heart: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore

(D / PH 2014; Khavn de la Cruz)
Noch einmal ins Gewühl von Carsten Moll

Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!

(D 2015; Oskar Roehler)
Zurück zu No Future von Andreas Thomas
kinostart: 19.03.2015

3 Herzen

(F 2014; Benoît Jacquot)
Liebeskranke Implosionen von Wolfgang Nierlin

A Most Violent Year

(USA 2014; J.C. Chandor)
Über den Prozess der Zivilisation von Ulrich Kriest

Das ewige Leben

(D / AT 2014; Wolfgang Murnberger)
Versehrte alte Männer von Wolfgang Nierlin

Die Reise zum sichersten Ort der Erde

(AT / D / CH 2014; Edgar Hagen)
Strahlende Zukunft von Jürgen Kiontke
kinostart: 12.03.2015

Cinderella

(USA 2015; Kenneth Branagh)
Fifty Shades of Colour von Jürgen Kiontke

Das Mädchen Hirut

(ETH / USA 2014; Zeresenay Mehari)
Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung von Wolfgang Nierlin

Kingsman: The Secret Service

(USA / GB 2014; Matthew Vaughn)
Weltrettungsmarkenpflege mittels Snobtopjob von Drehli Robnik

Wenn es blendet, öffne die Augen

(A 2014; Ivette Löcker)
Die Vergessenen der Geschichte von Nicolai Bühnemann
kinostart: 05.03.2015

Focus

(USA 2015; Glenn Ficarra, John Requa)
Diebe und Liebe von Nicolai Bühnemann

Pepe Mujica - Der Präsident

(D 2015; Heidi Specogna)
Oh, wie schön ist Uruguay! von Ulrich Kriest

Still Alice - Mein Leben ohne Gestern

(USA 2014; Richard Glatzer, Wash Westmoreland)
Die Kunst des Verlierens lernen von Wolfgang Nierlin

Verstehen Sie die Béliers?

(F 2014; Eric Lartigau)
Abnabelungsprozess von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
bluray-start: 14.04.2015dvd-start: 14.04.2015

Blue Ruin

(USA / F 2013; Jeremy Saulnier)
Gewaltspirale von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 31.03.2015dvd-start: 31.03.2015

Interstellar

(USA / GB 2014; Christopher Nolan)
Fuck Gravity von Lukas Schmutzer
dvd-start: 31.03.2015

Der Anständige

(D / ISR / AT 2014; Vanessa Lapa)
Porträt des Reichsführers als darmkranker Gatte und Papa von Drehli Robnik
bluray-start: 27.03.2015dvd-start: 27.03.2015

Phoenix

(D 2014; Christian Petzold)
Speak low when you speak, love von Ulrich Kriest
dvd-start: 27.03.2015

Vergiss mein Ich

(D 2014; Jan Schomburg)
Von der Unschärfe in die Unschärfe von Andreas Thomas
bluray-start: 26.03.2015dvd-start: 26.03.2015

Diplomatie

(D / F 2014; Volker Schlöndorff)
"Wir müssen reden ..." von Ulrich Kriest
dvd-start: 20.03.2015

Wolfskinder

(D 2013; Rick Ostermann)
Durchs wilde Ostpreußen von Ulrich Kriest
dvd-start: 13.03.2015

Die langen hellen Tage

(GE / F / D 2013; Nana Ekvtimishvili, Simon Groß)
Brot und Kriege von Nicolai Bühnemann

Die langen hellen Tage

(GE / F / D 2013; Nana Ekvtimishvili, Simon Groß)
Grau und luftig von Wolfgang Nierlin

Zwei Tage, eine Nacht

(B / F / I 2014; Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne)
Nochmal das bereits Angerissene ... von Andreas Thomas
bluray-start: 03.03.2015dvd-start: 03.03.2015

Maps to the Stars

(CAN / USA / F / D 2014; David Cronenberg)
Big Trouble in der Lindenstraße von Ulrich Kriest
bluray-start: 24.02.2015dvd-start: 24.02.2015

The Salvation

(DK / GB / RSA 2014; Kristian Levring)
Danish Dynamite von Carsten Happe
dvd-start: 20.02.2015

20.000 Days on Earth

(GB 2014; Iain Forsyth, Jane Pollard)
Krumme Versionen seiner selbst von Ilija Matusko
bluray-start: 17.02.2015dvd-start: 17.02.2015

Borgman

(NL 2013; Alex van Warmerdam)
Der Gast, ein böser Zauberer von Tim Lindemann

Night Moves

(USA 2013; Kelly Reichardt)
Wettlauf gegen die Zeitbombe von Andreas Thomas
bluray-start: 13.02.2015dvd-start: 13.02.2015

Die Frau des Polizisten

(D 2013; Philip Gröning)
Sehen lernen, Erfahrungshunger stillen von Ulrich Kriest
dvd-start: 13.02.2015

Five Ways to Dario

(D / AR / MEX 2010; Dario Aguirre)
Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu! von Sven Pötting
dvd-start: 06.02.2015

Like Someone in Love

(J / F 2012; Abbas Kiarostami)
Auf der Suche nach Konstanten von Ilija Matusko
bluray-start: 05.02.2015dvd-start: 05.02.2015

Madame Mallory und der Duft von Curry

(USA 2014; Lasse Hallström)
Variationen vom Leipziger Allerlei mit Garam Marsala von Ulrich Kriest
dvd-start: 30.01.2015

Lifelong - Hayatboyu

(D /NL / TR 2013; Asli Özge)
Eheliches Versteckspiel von Wolfgang Nierlin

bücher

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

Christian Keßler: Wurmparade auf dem Zombiehof

Er mag Müll

von Sven Jachmann

Alain Badiou: Kino. Gesammelte Schriften zum Film

Ein Kind der Film-Clubs und eine Waise der Idee der Revolution

von Ulrich Kriest

interviews

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

"Alle sind wunderschön angezogen"

Man muss kein Theaterfreund sein, um am Theater keinen Reinfall zu erleben - ein Gespräch mit Wenzel Storch

von Sven Jachmann

"Ich glaube fundamental an genau gestellte Fragen. Sie sind die eigentliche, tiefe Bedeutung des Erzählens, ja, von Kunst überhaupt."

Ein Gespräch mit Götz Spielmann aus Anlass seines neuen Films "Oktober November"

von Ulrich Kriest

texte

"Cinema of Outsiders: Part II" im Berliner Zeughauskino

Kino des Exzesses

von Nicolai Bühnemann

6 x Robert Altman

Ein Dossier anlässlich seines 90. Geburtstags

Die besten Filme von 2014

And the Winners are ...

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn