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Cuban Fury - Echte Männer tanzen

(Großbritannien 2014; Regie: James Griffiths)

Salsa als Stahlbad und Mittelschichtpflicht

foto: © studiocanal
In einer frühen Version seines "Kulturindustrie"-Kapitels zur Dialektik der Aufklärung schrieb Theodor W. Adorno, nachdem er wieder einmal angewidert von einer Soirée samt Gesellschaftstanz zu im Radio reproduzierter Big-Band-Musik mit den Kreativen von Beverly Hills heim an den Schreibtisch gekommen war, den lapidaren Satz "Salsa ist ein Stahlbad." Nach einigen Diskussionen, u.a. vor Ort mit Horkheimer und brieflich mit Kracauer in New York, radikalisierte und totalisierte er sein Urteil, indem er es auf das systematisch organisierte Amusement insgesamt ausdehnte, und formulierte seinen kurzen, aber etwas zu sehr in die Alliteration verliebten Satz zur noch kürzeren Fassung "Fun ist ein Stahlbad" um. Die dergestalt überschriebene Fokusierung auf einen lateinamerikanischen Tanz als Primärziel einer Kritik, die festhält, wie sehr die apriori schematisierte "Freizeit" doch nur Zurichtung der Subjekte für ihr Funktionieren im Arbeitsprozess ist, kurz: Adornos vielsagende Salsa-Kritik, die gilt es auch heute noch ernst zu nehmen.

Ab hier nun die Filmbesprechung stricto sensu, Oida.

"How can you take something seriously that′s named after a dip?" Der namensgebende Dip, die Tunke, wie die Wienerin sagt, heißt Salsa - wie der Tanz, von dem "Cuban Fury" handelt. Mit diesem netten Dialoggag, ausgerufen vom Unterlegenen eines der vielen über den Liebesrivalen- und Selbstbeweis-Plot verstreuten Tanzduelle, ist schon viel über diese britische Makeover-Comedy gesagt.

Hier zählt das, was an Leuten, zumal männlichen, eher Dip und Depp (in Wien: Dillo) ist, was also scharf, aber schwabbelig ist - Blut, Schweiß & Soße der im Salsa entfesselten Passion, auch Tunke und Tunte, nämlich die auch im Spielfilm verbreitete Hetero-Angst, als schwul zu gelten, bei gleichzeitiger Manie, andere Männer anzugockeln oder zu bekuscheln (und, so will es die RomCom-Konvention, ab und zu die neue Chefin, die aus den USA in ein Londoner Büro für technische Zeichner gekommen ist).

Das wird hier mal persifliert, mal bloß ausagiert, vor allem im Körper von Nick Frost. Wie viele füllige Komiker vor und neben ihm, von Fatty Arbuckle über Zachi Noy bis Jonah Hill, spielt Frost aus dem Bauch, betont seine Dip-Erscheinung mit Dreiviertelhose und Söckchen als Tanzoutfit, geizt auch nicht mit seinen Sekundärreizen, als da sind Wimpern und Zahnfleisch, etwa wenn er den Einfühlsam-Leidenden macht und seinem einstigen Salsatrainer Vorwürfe oder der angebeteten Chefin ein Mixtape. (Mit diversen Salsa-Standards, die auch den Score des Films ausmachen. Früher mal hätten wir uns davon die Soundtrack-CD kaufen sollen. Heute gibt es die Kompilation nur als Mixtape auf Magnetoskop-Band.)

Ob nun der Tanz nach dem Dip (oder dessen Erfinder) benannt ist oder doch umgekehrt, sollten wir schon wissen, wenn wir dazugehören wollen. Ebenso, ob Adorno das mit dem Stahlbad so formuliert oder nur gemeint hat. Jedenfalls werden in "Cuban Fury" diverse soziale Skills, wie sie heute für den Normalbetrieb fröhlichen mittelständischen Lebens Voraussetzung sind, durchgetestet: Produktpitch vormittags und Hengsthabitus nachmittags im Büro, Bubengolfrunde am Jourfixe, Therapiegruppe, 80er Retro, Mixtaping. In Nebenrollen spielen Chris O´Dowd und Altspatz Ian McShane, kontratypisch als schwanzgesteuertes Ekel bzw. Hormone verstehender Latin-Dance-Guru besetzt, Olivia Colman (die Policeman-woman-officer aus "Hot Fuzz") unterfordert, Kayvan Novak (der deppertste Terrorist aus "Four Lions") amüsant als Diva, die ein Kumpel ist. Rashida Jones als love interest fällt wenig auf.

Freilich: Den Irrwitz und Slapstick der in anmutstanzsportiver Hinsicht nicht unähnlichen 2007er Will Ferrell-Eiskunstläuferkomödie "Blades of Glory" erreicht "Cuban Fury" nicht. Dazu wird hier zuviel an Akrobatik über den Schnitt erhascht und verhuscht, anstatt die Körper in all ihrer Pracht und Pose zu exponieren (was ja auch, wie eben in "Blades of Glory", digital geleistet werden kann. Will denn heute niemand mehr CDs brennen oder digitale Slapstick-Effekte machen?) Vielleicht aber kann etwas wie "Cuban Fury" vom Ansatz her auch gar nicht mehr irrwitzig lustig sein, heute, da wir uns an den Anblick von Leuten mit nicht ganz aerodynamischem Körperbau in Promipärchen-Dancing-Fernsehshows gewöhnt haben - und nicht zuletzt auch daran, dass Gesellschaftstanz heute zu jenen sozialen Fähigkeiten zählt, deren Beherrschung - im Sinn ordnungsgemäßer Abwicklung eines erfüllten und kreativen Lebens - Mittelschichtpflicht ist. (Zu dieser Pflicht sind dann Chorsingen, Ramones-Coverband-Tätigkeit und Kochen die Kür.) Wurde hier schon gesagt. Eh.

Wir können es auch immanent sehen, sprich: in der ergiebigen, einsichtigen Optik jener Filme, die Frost als Sidekick seines alten Kumpels Simon Pegg gedreht hat, also vor allem der Cornetto-Trilogie aus "Shaun of the Dead", "Hot Fuzz" und "The World′s End". Und da zeigt sich: "Cuban Fury"-Regisseur James Griffiths kann repetitive Alltagsgesten fast so schnell schneiden und am Zapfhahn sich füllende Biergläser fast so steil von oben filmen wie Edgar Wright - nuff respects -, und die Intro-Montagesequenz von der 80er-Kindheit/Jugend des Protagonisten, der es verabsäumt, seinen Tänzertraum bis ganz zur Erfüllung auszuleben und seitdem an diesem Versagungstrauma laboriert, auch das erinnert stark an den grandiosen, männlichkeitsidentitätskritischen "The World′s End". Umso mehr fällt auf, wie sehr in "Cuban Fury" die ganze Self-Improvement und Lebe-deinen-Traum-du-kannst-es-schaffen-sei-du-selbst-sonst-fristlose-Kündigung-Manie weniger satirisch durchleuchtet und durchkreuzt als vielmehr gefeiert wird. Simon Pegg ist solch ein ideologischer Ausrutscher in seinen britischen Filmen erst einmal passiert (in der Motivations-RomCom "Run, Fatboy, Run"); an sich macht er sowas nicht. Vielleicht schaut Pegg deshalb so angefressen, als er beim Dance-Off zwischen Frost und O′Dowd in seinem Cameo kurz durchs Bild fährt.

Und ein Cameo, so nennt man ein Auto ohne Dach. Auch das sollten wir halt wissen, für die nächste Büroparty.

Drehli Robnik

Benotung des Films: (6/10)


Cuban Fury - Echte Männer tanzen
Großbritannien 2014 - 98 min.
Regie: James Griffiths - Drehbuch: Jon Brown - Produktion: James Biddle, Jenny Borgars, Dan Cheesbrough, Nicky Earnshaw, Nick Frost, Matthew Justice, Nira Park, Danny Perkins, Rachael Prior, Celia Richards, Tessa Ross - Kamera: Dick Pope - Schnitt: Jonathan Amos - Verleih: StudioCanal - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Rashida Jones, Chris O'Dowd, Wendi McLendon-Covey, Nick Frost, Ian McShane, Olivia Colman, Kayvan Novak, Rory Kinnear, Alexandra Roach, Deborah Rosan, Larissa Jones, Kevin Eldon, Tim Plester, Steve Oram, Richard Glover
Kinostart (D): 19.06.2014
DVD-Start (D): 06.11.2014
Blu-ray-Start (D): 06.11.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2390237/

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 2.40:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - Extras: Making of, Featurettes, geschnittene Szenen, Trailer - FSK: ab 6 Jahren - Verleih: StudioCanal

Trailer:


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