filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Kill the Boss 2

(USA 2014; Regie: Sean Anders)

Verfickt prüde

foto: © warner bros.
Dem Arbeitgeber das Leben nehmen, diese Fantasie schleppt der deutsche Verleihtitel in Anlehnung an den ersten "Kill the Boss" (im Original: "Horrible Bosses", 2011) zwar noch mit sich herum, aber die Prämisse dieses Sequels ist eine andere: Nachdem das Heldentrio, bestehend aus den weißen, heterosexuellen Mittelstandsmännern Kurt, Nick und Dale, sich seiner schrecklichen Chefs im vorhergehenden Teil auf turbulente Weise entledigt hat, wollen die Mittvierziger nun ihre eigene Firma gründen. Und selbstverständlich will den harmlos vertrottelten Protagonisten trotz anfänglicher Erfolge wieder einmal nichts so recht gelingen. Als besonders folgenreich und fahrlässig erweist sich dabei ein Deal mit dem Geschäftsmann Burt Hanson (Christoph Waltz), der sich das aufstrebende Unternehmen der naiven Helden mit einer hinterhältigen List unter den Nagel reißen will. Den drohenden Bankrott vor Augen sehen die drei Freunde keinen anderen Ausweg, als sich erneut an einem Kapitalverbrechen zu versuchen: Sie planen, Rex Hanson (Chris Pine), den aalglatten Sohn ihres Widersachers, zu entführen, um den Vater zu erpressen.

Entgegen der Steigerungslogik, die eine Fortsetzung üblicherweise mit sich bringt, scheint "Kill the Boss 2" die Grundidee des Vorgängerfilms geradezu entschärfen zu wollen. Nicht bloß die Verschiebung vom Mord zum Kidnapping nimmt der Komödie einiges an Drastik, auch das blinde Vertrauen der Macher auf die bekannte und erstaunlich erfolgreiche Formel des ersten Teils dürfte selbst bei Fans der Reihe für nicht mehr als ein gelassenes Achselzucken sorgen. Neben den drei Hauptdarstellern Jason Bateman, Charlie Day und Jason Sudeikis sind außerdem Kevin Spacey, Jennifer Aniston und Jamie Foxx wieder mit von der Partie und dürfen sich in eintönigen Schimpfwort-Tiraden ergehen, die längst auch in Hollywood-Produktionen dieser Größe zum guten Ton gehören.

So böse, abgründig und subversiv, wie "Kill the Boss 2" verkauft wird, ist der Film also bei weitem nicht. Es erinnert eher an einen großmäuligen Teenager, der mit sexuellen Eskapaden protzt, um seine Jungfräulichkeit zu vertuschen, wenn Regisseur Sean Anders ("Der Chaos-Dad", 2012) sich daran ergötzt, im Dialog eine Anzüglichkeit nach der anderen (oder vielmehr ein und dieselbe Anzüglichkeit in einer Endlosschleife) zu präsentieren, um seine schematische, zahme Komödie interessanter zu machen. Die lustlose, einer holprigen Sketchshow-Dramaturgie folgende Inszenierung generiert dabei bloß sterile, cleane Bilder, die allen verbalen Unanständigkeiten zum Trotz die tiefsitzende Prüderie dieses Films bezeugen: Geduscht wird hier mit Klamotten und nackte Haut ist anscheinend nur vermittelt über einem kleinen, unscharfen Überwachungsmonitor zu ertragen.

Mit endlosem Geschwätz geizt der Film hingegen nicht, und er lässt seine Protagonisten andauernd wild und hysterisch durcheinander quasseln. Um die wenigen Pointen, die dann doch in den Dialogen stecken, muss man sich in diesem Schwall nicht groß kümmern, und zu sagen hat "Kill the Boss 2" trotz seiner Redseligkeit überhaupt nichts. Die Lesart als antikapitalistischer Rachefilm wird noch mehr als beim Vorgänger von der Konventionalität sowie der kommerziellen Anschlussfähigkeit des Dargestellten durchkreuzt und auch als Satire auf die Befindlichkeiten einer privilegierten Mittelschicht mag das Ganze nicht funktionieren. Dazu fehlt es an einer Haltung, die dem Spott eine Richtung geben und somit eine Kritik fundieren würde. In Anders' Komödie soll aber einfach über alles gleichermaßen gelacht werden, über die verplanten Hauptdarsteller genau so wie über gedemütigte asiatische Hausmädchen, vergewaltigte Koma-Patienten und natürlich alles, was schwul wirkt.

So zapft "Kill the Boss 2" seinen politisch inkorrekten Humor lediglich aus den Stammtischecken dieser Welt, um Rassismus, Homophobie und Misogynie auch für ein vermeintlich liberales und aufgeklärtes Publikum verwertbar zu machen - mit einem dicken Augenzwinkern versteht sich. In der Figur der von Aniston verkörperten Sexsüchtigen wird das Problem dieses Ansatzes vielleicht am deutlichsten: Die Männerfantasie von der dauergeilen Nymphomanin wird zwar auf absurde (man könnte auch sagen: kinotaugliche) Maße aufgeblasen, dabei allerdings nie zum Platzen gebracht. Es bleibt bei einer Männerfantasie, deren düstere Implikationen sich der Film mit seinem unbeschwerten Humor und einer zur Strategie verkommenen Ironie mühelos vom konfektionierten Leib halten kann.

Carsten Moll

Benotung des Films: (2/10)


Kill the Boss 2
OT: Horrible Bosses 2
USA 2014 - 108 min.
Regie: Sean Anders - Drehbuch: Sean Anders, John Morris - Produktion: Chris Bender, John Morris, Brett Ratner, John Rickard, Jay Stern - Kamera: Julio Macat - Schnitt: Eric Kissack - Musik: Christopher Lennertz - Verleih: Warner Bros. - Besetzung: Jennifer Aniston, Chris Pine, Christoph Waltz, Kevin Spacey, Jason Sudeikis, Jason Bateman, Charlie Day, Kelly Stables, Keeley Hazell, Suzy Nakamura, Brianne Howey
Kinostart (D): 27.11.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2170439/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
kinostart: 23.06.2016

The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte

(GR/GB/NL 2015; Yorgos Lanthimos)
Animal Love von Marit Hofmann
kinostart: 09.06.2016

Hannas schlafende Hunde

(D/AT 2016; Andreas Gruber)
Ja zur sentimentoaffinen Rezeption von Dietrich Kuhlbrodt

Sky - Der Himmel in mir

(F/D 2015; Fabienne Berthaud)
Weiblicher Selbstfindungstrip von Wolfgang Nierlin
kinostart: 02.06.2016

Green Room

(USA 2015; Jeremy Saulnier)
Small Film, Big Thrills, and a Major Threat at the Door von Drehli Robnik
kinostart: 26.05.2016

Der Nachtmahr

(D 2015; Akiz)
Laut und luizid: Sieh dich im Ding (und lass die Ohren klingen) von Drehli Robnik

Der Nachtmahr

(D 2015; AKIZ)
Das andere Ich von Wolfgang Nierlin

Sonita

(D/IR/CH 2015; Rokhsareh Ghaemmaghami)
Filmen ohne Distanz von Marit Hofmann

The Whispering Star

(J 2015; Sion Sono)
Die Paketbotin aus der Ewigkeit von Manfred Riepe
kinostart: 19.05.2016

Nur Fliegen ist schöner

(FR 2015; Bruno Podalydès)
Trockenübungen mit Wasser von Wolfgang Nierlin

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik

X-Men: Apocalypse

(USA 2016; Bryan Singer)
Der Fluch des dritten Teils von Nicolai Bühnemann
kinostart: 12.05.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
kinostart: 05.05.2016

A Bigger Splash

(IT / FR 2015; Luca Guadagnino)
Schatten im Paradies von Wolfgang Nierlin

A Bigger Splash

(I/F 2015; Luca Guadagnino)
Feuchte Entladungen auf trockener Insel von Ricardo Brunn

Remake, Remix, Rip-Off

(D / TR 2014; Cem Kaya)
Der große Verhau von Ulrich Kriest
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
bluray-start: 03.06.2016dvd-start: 03.06.2016

Shaandaar - Schlaflos verliebt

(IN 2015; Vikas Bahl)
Liebeswirren im Prinzregentensaal von Michael Schleeh
bluray-start: 02.06.2016dvd-start: 02.06.2016

Remember - Vergiss nicht, Dich zu erinnern

(CA / D 2015; Atom Egoyan)
Vielen Dank für das Rezeptionsabenteuer von Dietrich Kuhlbrodt

Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern

(CA / D 2015; Atom Egoyan)
Der Holocaust-Terminator von Manfred Riepe

The Big Short

(USA 2015; Adam McKay)
Einstürzende Elfenbeintürme von Manfred Riepe

The Big Short

(USA 2015; Adam McKay)
Hier platzt gleich die Blase von Ulrich Kriest
bluray-start: 30.05.2016dvd-start: 30.05.2016

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Spiel mir das Ende vom Lied von Jurek Molnar

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Amerika im Visier von Andreas Busche

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Hang Her High von Harald Steinwender
bluray-start: 20.05.2016dvd-start: 20.05.2016

Louder Than Bombs

(NOR / F / DK 2015; Joachim Trier)
Mit Luhmann im Kino von Ulrich Kriest
bluray-start: 12.05.2016dvd-start: 12.05.2016

Bridge of Spies - Der Unterhändler

(USA 2015; Steven Spielberg)
Blicke zur Brücke von Drehli Robnik
bluray-start: 29.04.2016dvd-start: 29.04.2016

Knock Knock

(USA, CHI 2015; Eli Roth)
Die Lust an der Zerstörung von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 28.04.2016

The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte

(GR/GB/NL 2015; Yorgos Lanthimos)
Animal Love von Marit Hofmann
bluray-start: 22.04.2016dvd-start: 22.04.2016

Carol

(GB / USA 2015; Todd Haynes)
Schmerzlicher Befreiungsschlag von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 07.04.2016dvd-start: 07.04.2016

Das brandneue Testament

(B/F/LU 2015; Jaco Van Dormael)
Der Gorilla, die Deneuve und Gott von Manfred Riepe

Macbeth

(GB 2015; Justin Kurzel)
Fremdkörper im Bilderrausch von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 07.04.2016

Hördur - Zwischen den Welten

(D 2015; Ekrem Ergün )
Kino auf Psychopharmaka von Ricardo Brunn
bluray-start: 01.04.2016dvd-start: 01.04.2016

Ewige Jugend

(I / F / GB 2015; Paolo Sorrentino)
Sehnsüchtige Statisten im Theater des Lebens von Wolfgang Nierlin

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

texte

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

Best of Kinojahr 2015

Die Oscars der Filmgazette

Peter Kern (13.2.1949 - 26.8.2015)

Der kompromisslos-radikale Autorenfilmer war ein aus der Zeit gefallenes Relikt

von Ulrich Kriest

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn