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La La Land

(USA 2016; Regie: Damien Chazelle)

Morgen soll wie gestern sein

foto: © studiocanal
Manchmal ist alles ungerecht. Im Stau zum Beispiel. Hier wird der Mensch an die Grenzen seiner Selbstbestimmung geführt, bekommt das Ende der Freiheit auf der für ebendiese Freiheit stehenden Straße bitterlich vor Augen geführt. Um ihn herum Menschen, die sind wie er selbst, die in der Starre des Verkehrs die eigene Ausweglosigkeit spiegeln und dabei glotzen wie in Federico Fellinis "8½" (IT 1963). Da träumt der Protagonist zu Beginn von einem Stau, der sein kreatives Dilemma auf den Punkt bringt: Ein Regisseur (Marcello Mastroianni) muss einen Film drehen, hat aber selbst während der Dreharbeiten keine Ahnung worüber. Als Zitat wird dieses Dilemma in "Falling Down" (USA 1993; R: Joel Schumacher) in die existentielle Ratlosigkeit eines Everyman (Michael Douglas) überführt, der den einfachen Traum hat, endlich nach Hause gehen zu können. Zur gleichen Zeit steht auch Michael Stipe im Musikvideo zu "Everybody Hurts" (USA 1993; R: Jake Scott) im Stau, singt "Sometimes everything is wrong" und steigt nach dieser Erkenntnis schließlich aus dem Auto, springt auf das Dach eines anderen und läuft los. Über Untertitel werden die Gedanken der anderen Autofahrerinnen und ihrer Beifahrer sichtbar. Am Ende steigen sie ebenfalls aus, sagen alles ab, sind raus aus dem Kreislauf von Produktion, Konsum und Leere, der weder vor noch zurück kennt. Indem sich die Protagonisten ihrer Krise bewusst werden, liefert ein Stau die Möglichkeit für einen Neuanfang.

Irgendwo zwischen all den stehen gebliebenen Autos sucht auch "La La Land" von Damien Chazelle seinen Platz, beruft sich auf diesen (filmhistorischen) Stau und führt uns in seiner ersten Szene sogleich noch einmal Krise und Chance des erlahmenden Verkehrs vor Augen sowie die Protagonisten aufs Spielfeld: Mia (Emma Stone) will in Hollywood als Schauspielerin Karriere machen, hetzt allerdings nur von einem erniedrigenden Vorsprechen zum nächsten. Nichts geht voran. Auch Sebastian (Ryan Gosling) steckt fest. Als Pianist verdingt er sich in mittelmäßigen Restaurants, würde jedoch viel lieber seinen eigenen Jazz-Club eröffnen, um dem todgeweihten Musikgenre neues Leben einzuhauchen. Auf einer Party lernen sich Mia und Sebastian schließlich kennen, nachdem sie zuvor schon wild hupend im Stau aneinander geraten waren. Gemeinsam stolpern die beiden Idealisten durch ein L.A., das wie sie selbst nur aus Versatzstücken der goldenen Ära Hollywoods besteht. Während Mia von den Filmstars vergangener Tage schwärmt, entfaltet sich in Sebastians Kopf die Musik von damals. Ein Vorankommen ist schwer im Stau des Lebens, wenn Zukunftsversprechen der Vergangenheit angehören und der Sound der Gegenwart aus dem Marimba-Klingelton besteht. Doch die Hoffnung verbindet Mia und Sebastian. Die Erfüllung ihrer Träume ist immer nur einen Tanzschritt entfernt.

Schon in den Verleihtiteln sucht sich diese Hoffnung ihren Weg. Das Studiocanal-Logo flimmert schwarz-weiß und zerkratzt im beinahe quadratischen Normalformat vor den Augen des Zuschauers, bis der Cinemascope-Titel in knalligen Technicolor-Farben die Leinwand nach beiden Seiten öffnet. Dann der Stau und bald darauf das Gefühl, trotz bunter Tanzeinlagen auf ewig darin steckenbleiben zu müssen. Aus dem Stau der Fahrzeuge entwickelt sich nach und nach ein Stau der Bilder. Denn "La La Land" ist gefangen in einer Zeitschleife, kommt über liebevolles Nachgeäffe nie hinaus. Die Echos aus der Vergangenheit legen sich bleischwer über die Gegenwart, der jede Kreativität und Selbstständigkeit abhanden gekommen zu sein scheint. Mia und Sebastian wollen sein wie die toten Stars. Gosling zitiert sich in seiner Rolle unentwegt selbst. Getanzt werden die Tänze aus anderen Filmen in den Dekors aus Klassikern des Musicalfilms. Und gesungen werden einfallslose Lieder, die in ihrem Massenkompatibilitätsanspruch an keine musikalische Tradition mehr ernsthaft anknüpfen können. Hoffnung wird in "La La Land" übersetzt in Nostalgie und ist somit nicht mehr in die Zukunft gerichtet. Hoffnung ist in "La La Land" die Hoffnung auf Gestern. Der Film beweint den Verlust eines Kinos als Exzess und wildes Abenteuer gegen die Banalität des Daseins. Doch er selbst backt die allerkleinsten Konsensbrötchen. Erschlafft und müde wirkt "La La Land" im Vergleich zu den Vorbildern. Der Stepptanz in den Hügeln. Der Walzer in den Sternen. Wer einmal Fred Astaire hat tanzen sehen, wer einmal in den Genuss der Choreografien eines Busby Berkeley gekommen ist, dem wird die primärfarbene Tristesse von "La La Land" erst wirklich bewusst.

In seiner Historizität beruft sich Damien Chazelle auf einen Zuschauer, der der Geschichte entrissen ist, keinen Vergleich mehr anstellen kann und sich auch nicht wundert, wenn es ein Remake nach dem anderen hagelt, wenn der alte Teebeutel für eine neue Generation in immer kürzeren Abständen noch einmal frisch aufgebrüht wird. Alles ist zum Zitat erstarrt und jeder Energie beraubt. Somit erfährt der Filmtitel, der einerseits als geflügeltes Wort für einen Zustand der Träumerei und andererseits für die in ihren Träumen verlorene Stadt L.A. steht, eine entscheidende Umdeutung. Die träumerische Musikalität des Titels steht vielmehr für hilflose Repetition. Wie ein immer schwächer werdendes Echo wiederholt "la, la" Filmgeschichte und mündet in das bedeutungslose "bla, bla" der Gegenwart.

So sehr Damien Chazelle den Traum von der Selbstverwirklichung und allen damit verbundenen Konsequenzen verhandeln möchte, der Regisseur verpasst es einen eigenen cineastischen Traum zu träumen. "La La Land" ist demnach nicht nur ein trauriger Film über die Liebe als Opfer der Karriere. "La La Land" ist ein trauriger Film, weil er sich nicht von seiner nostalgisch verklärten Sicht auf die Welt lösen kann. Viele Beobachtungen abseits der getanzten und besungenen Zitatstürme sind richtig und treiben einem die Tränen in die Augen. Doch so wie "Make America great again" der rückwärtsgewandte Leitsatz des neuen amerikanischen Präsidenten lautet, feiert "La La Land" die eigene deprimierende Utopielosigkeit.

Ricardo Brunn

Benotung des Films: (5/10)


La La Land
OT: La La Land
USA 2016 - 126 min.
Regie: Damien Chazelle - Drehbuch: Damien Chazelle - Produktion: Fred Berger, Gary Gilbert, Jordan Horowitz, Marc Platt - Kamera: Linus Sandgren - Schnitt: Tom Cross - Musik: Justin Hurwitz - Verleih: StudioCanal - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Ryan Gosling, Emma Stone, Finn Wittrock, J.K. Simmons, Sonoya Mizuno, Rosemarie DeWitt, John Legend
Kinostart (D): 12.01.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3783958/
Link zum Verleih: http://www.studiocanal.de/kino/la_la_land

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Kommentare


Einträge: 2

Frage schrieb am 27.2.2017 um 22:05 Uhr :

Zugegeben: bei dieser (nicht unberechtigten) Kritik verstehe ich das Zusammenspiel von Text und fünf! Sternen nicht. Zwei vielleicht?

Ricardo Brunn (zur Homepage) aus Berlin schrieb am 28.2.2017 um 13:57 Uhr :

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht gelungen, hat aber schöne Momente, über die nachzudenken lohnt. Dann klingt die Kritik wohlwollender als die Anzahl der Sterne suggerieren. Und auch "La La Land" ist per se nicht ungenießbar, dafür ist er allein handwerklich schon zu präzise.
Letztlich bedeutet das Zusammenspiel von Text und Sternen für mich, dass beides zusammen die Kritik ausmacht. Das eine spiegelt nicht bloß das andere.

Aber danke für den Anstoß! Ich werde mich mit diesem Punkt in Zukunft noch genauer auseinandersetzen.





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