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Der junge Karl Marx

(Frankreich, Deutschland, Belgien 2016; Regie: Raoul Peck)

Glück des Aufbegehrens

foto: © neue visionen filmverleih
In einem lichtdurchfluteten Wald sammeln arme Leute sogenanntes "Raffholz", also abgestorbene Äste und morsche Zweige. "Vom Eigentum getrenntes Eigentum" nennt das eine Stimme aus dem Off, die dem jungen Karl Marx gehört. Um Diebstahl handelt es sich dabei hingegen für die Besitzer des Waldes, die ihre berittenen Schergen aussenden, damit diese die Holzsammler brutal bestrafen. Mit Berufung auf Montesquieu prangert der unerschrockene Marx (August Diehl) in seinem Artikel für die Rheinische Zeitung diese Praxis als Ungerechtigkeit an. Kurz darauf wird deren Redaktion in Köln von der Polizei gestürmt und der kritische Journalist verhaftet. Es ist das Jahr 1843, die industrielle Revolution verändert einschneidend die Arbeitswelt, in den Städten entsteht das sogenannte Proletariat und die Redakteure befinden sich in einem heftigen Disput über das Maß ihres politischen Widerspruchs. Dass Karl Marx in seiner Opposition der radikalste unter ihnen ist, entspricht in der filmischen Darstellung der Logik von Kinohelden.

Mit der ebenso kunstvollen wie plakativen Engführung der Motive in der Exposition seines Films "Der junge Karls Marx" skizziert Raoul Peck ziemlich präzise die Umrisslinien zukünftiger Konflikte. Konzentriert auf die Jahre bis zur Revolution von 1848, portraitiert der renommierte Regisseur seinen international vernetzten Protagonisten im Ringen um eine theoretisch fundierte Praxis revolutionären Handelns. Dass der selbsterklärte, nach einer humanen Gesellschaft strebende Materialist sich in seinem Pariser Exil dabei in Kontroversen mit dem von Anarchisten flankierten Sozialphilosophen Proudhon (Olivier Gourmet) und dem volksnahen Charismatiker Weitling (Alexander Scheer) verstrickt, versteht sich fast von selbst. Doch auch seine Begegnung mit Friedrich Engels (Stefan Konarske) im Haus des Verlegers Arnold Ruge, dem Herausgeber der Deutsch-Französischen Jahrbücher, ist zunächst von Rivalität geprägt. Bis sich der kämpferische Marx, der stets knapp bei Kasse ist, und der dandyhafte Fabrikantensohn Engels, der das soziale Elend aus eigener Anschauung kennt, sich mit wechselseitigen Schmeicheleien schließlich ihrer gegenseitigen Wertschätzung versichern.

Raoul Peck inszeniert das in einer Mischung aus jugendlichem, von Alkohol befeuerten Überschwang und leidlichem Humor. So schnell wie die beiden zu Freunden werden, so schnell sind sie sich darin einig, die Welt nicht mehr länger nur interpretieren, sondern durch Taten verändern zu wollen. Marx′ aus einer adligen Familien stammende, nicht minder freiheitsliebende Ehefrau Jenny (Vicky Krieps) liefert dafür die Stichworte. Es gebe "kein Glück ohne Aufbegehren", sagt die bald darauf zweifache Mutter und fordert ironisch die "Kritik der kritischen Kritik". Engels′ Konflikt mit der selbstherrlichen Autorität seines Vaters, der Blick in die Elendsbaracken leidgeprüfter Arbeiter in Manchester sowie Marx′ Auseinandersetzung mit dem "Bund der Gerechten", aus dem später der "Bund der Kommunisten" hervorgeht, illustrieren mit gängigen filmsprachlichen Klischees den Weg zur Aktion. Der Aufruf zum (gewaltsamen) Kampf und das Erscheinen des "Kommunistischen Manifests" bilden gewissermaßen die Vorhut zur Revolte. Deren Aktualität beschwört Raoul Peck schließlich im Abspann des Films, indem er dokumentarische Bilder von unterschiedlichen Protesten mit Bob Dylans "Like a Rolling Stone" unterlegt.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu "Der junge Karl Marx".

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (6/10)


Der junge Karl Marx
OT: Le jeune Karl Marx
Frankreich, Deutschland, Belgien 2016 - 118 min.
Regie: Raoul Peck - Drehbuch: Pascal Bonitzer, Raoul Peck - Produktion: Nicolas Blanc, Rémi Grellety, Robert Guédiguian, Benny Drechsel - Kamera: Kolja Brandt - Schnitt: Frédérique Broos - Musik: Alexei Aigui - Verleih: Neue Visionen Filmverleih - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps, Alexander Scheer, Olivier Gourmet, Michael Brandner, Hannah Steele, Marie Meinzenbach
Kinostart (D): 02.03.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1699518/
Link zum Verleih: http://www.neuevisionen.de/

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