filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Drei

(Deutschland 2010; Regie: Tom Tykwer)

Aller guten Dinge sind ...

foto: © x verleih
Tom Tykwer baut in seinem Film eine Versuchsanordnung auf, eingespannt zwischen den Polen von Ausdruckstanz und Petrischale - dem ersten und dem letzten Bild des Films. Zwischen künstlerischer Performance und wissenschaftlicher Analyse porträtiert er drei moderne Menschen der Großstadt: Hanna - Sophie Rois mit gewohnt fahrig-atemlosem Sprachduktus - ist eine Art Hansdampf in allen Gassen, Kulturwissenschaftlerin mit eigener Fernsehsendung, liberal-intellektuell interessiert an Diskursen mit besonders hohem Fremdwortanteil, zudem Mitglied im Ethikrat. Ihr Lebenspartner Simon - Sebastian Schipper, versteckt hinter schwarzumrandeter Brille und Mehrtagesbart - besitzt eine Kunstproduktionswerkstatt am Rande des finanziellen Abgrunds und muss gerade Existentielles durchmachen: die Neuigkeit von der Krebserkrankung der Mutter kommt seiner eigenen Hodenkrebs-Operation zuvor, um mit Hanna darüber reden zu können, sehen sie sich zuwenig. Der fehlende Hoden führt ihn dann in die zärtlichen Hände von Adam, der zuvor schon als Tröster der sexuellen Bedürfnisse von Hanna aufgetreten ist - Devid Striesow mit unergründlichem Lächeln und unverbindlich-bindendem Charme: ein geheimnisvoller Verführer, Stammzellenforscher, Fußballer, Chorsänger, geschiedener Vater, Judoka, Segler: ein facettenreicher Charakter, oberflächlich mit verborgenen Tiefen, auf den sich alle Wünsche und Bedürfnisse projizieren lassen. Hanna und Simon, Hanna und Adam, Simon und Adam - das sind die molekularen Beziehungen, deren verschiedene Gefüge Tykwer untersucht.

Diesem Trio, das der alltäglichen Lebenswirklichkeit des intellektuell-kulturbeflissenen Milieus von Berlin entnommen ist, verleiht Tykwer mit seinem typischen übergroßen, überhöhenden Stilwillen eine zusätzliche, quasi-metaphysische Dimension und umgeht damit elegant die Gefahr des Lächerlichen, das in dieser Dreieckbeziehungskiste steckt. Der manieristischen, beinahe exaltierten Inszenierung, in der Kamera und Musik, Darsteller und Szenenaufbau sich zu übergroßer Stilisierung verstärken, stellt Tykwer die kleine Triade seiner Protagonisten gegenüber. Teils Beziehungskomödie, teils Liebesdrama, teils eleganter Tanz um Themen wie Tod, Krankheit, Liebe und Alltagstrott untersucht Tykwer die Möglichkeiten von Beziehungen jenseits von Kategorisierungen und Konventionalität.

"Abschied vom deterministischen Biologieverständnis" fordert Adam bei der Verführung Simons - er, der an polypotenten Stammzellen forscht, die sich zu allem weiterentwickeln können, was den Körper ausmacht. Tykwer sieht mit durchaus amüsiertem Blick durchs filmische Mikroskop auf seine Dreierkonstellation, ob und wie sich jeder mit jedem verbinden kann; und gibt einen gehörigen Schuss märchenhafte Utopie dazu, um aus den Reaktionen seiner Elemente zu einer neuen, tripolaren Spezies zu gelangen. Das Ende ist eine Art Rückkehr in ein Paradies der Liebe: das bedeutet zwar den Abschied vom Gewohnten, von der Konventionalität, vielleicht auch von der gesellschaftlich als richtig verstandenen Moral und Sittlichkeit. Doch es ist auch ein Neuanfang voll Liebe und Zusammengehörigkeit. Auf eine etwas verdrehte und unübliche Art fast schon eine Weihnachtsgeschichte.

[Link zum Interview mit Regisseur Tom Tykwer]
[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Harald Mühlbeyer

Benotung des Films: (8/10)


Drei
OT: Drei
Deutschland 2010 - 119 min.
Regie: Tom Tykwer - Drehbuch: Tom Tykwer - Produktion: Stefan Arndt - Kamera: Frank Griebe - Schnitt: Mathilde Bonnefoy - Musik: Tom Tykwer, Johnny Klimek, Reinhold Heil, Gabriel Mounsey - Verleih: X Verleih - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Sophie Rois, Sebastian Schipper, Devid Striesow, Annedore Kleist, Angela Winkler, Alexander Hörbe, Winnie Böwe, Hans-Uwe Bauer, Peter Benedict, Edgar M. Böhlke
Kinostart (D): 23.12.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1517177/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2010/drei/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21534/DREI/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritik

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Abwärts

(BRD 1984; Carl Schenkel)

Die Steckengebliebenen

von Nicolai Bühnemann

Kalt wie Eis

(BRD 1981; Carl Schenkel)

Stadt, Körper, Gewalt. Leben, Liebe, Schmerz.

von Nicolai Bühnemann

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)

Wachsende Versteinerungen

von Wolfgang Nierlin

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comic

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

Glücklich, was sonst?

Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus

von Sven Jachmann

An der Wand die Fuchsmaske

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

von Christoph Haas

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-12

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn