filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

In einer besseren Welt

(Dänemark / Schweden 2010; Regie: Susanne Bier)

Moralische Seifenoper

foto: © universum
Anton ist idealistischer Arzt im Flüchtlingslager in Afrika, selbstlos hilft er, ist Freund der Kinder, denen er gleich am Filmanfang einen Fußball schenkt, und er schiebt auch kurz vor Feierabend gerne noch eine Notoperation rein. Zuhause in Dänemark läuft′s nicht so gut: seine Frau will sich von ihm trennen, und Sohn Elias ist das Opfer der Rabauken in der Schule.

Christian, 12 Jahre, ist Elias′ einziger Freund, verstört, verschlossen, traumatisiert vom Krebstod der Mutter, entfremdet vom Vater, dem er Schuld gibt; entwurzelt, niemandem zugehörig, in London aufgewachsen und nun in Dänemark, bei der Großmutter, fremd. Und er brütet in sich einen Hass aus, basierend auf Gerechtigkeitsgefühl und Rache.

An diesen beiden Figuren als gegenüberliegenden Polen führt Susanne Bier ihren Diskurs um Gewalt, um den Umgang mit Brutalos, um Friedfertigkeit und gerechtfertigte Vergeltung. Hat Anton Recht, der den Armen selbstlos hilft, auch wenn zuhause, im persönlichen Umfeld, vieles im Argen liegt? Der rechte, linke und nochmals die rechte Backe hinhält, um das Böse an sich selbst scheitern zu lassen? Oder Christian, der sich auflehnt gegen das, was ihm nicht passt, der sich damit aber mit seinen Feinden gemein macht? Wenn Anton vor den Augen der Kinder von einem idiotischen Schläger geohrfeigt wird, ihm aber angstlos gegenübersteht: ist er dann tatsächlich der Sieger, wenn der andere in seiner körperlichen Überlegenheit seine moralische Niederlage gar nicht bemerkt? Oder ist es OK, wenn Christian den Schulsadisten brutal vermöbelt und dafür künftig aus Respekt in Ruhe gelassen wird; wenn er aber dabei cholerisch überreagiert, seinen eigenen inneren Frust rausprügelt und auch noch ein Messer benutzt? Wenn jeder gleich zurückprügeln würde: in was für einer Welt würden wir dann leben? In einer kriegerischen und brutalen, oder in einer, in der sich keiner mehr mucken würde?

Bier hat eine Versuchsanordnung erstellt, künstlich kontrastiv komponiert: verschiedene Weltanschauungen werden gegenübergestellt, scharf und fast schablonenhaft gezeichnet; dazwischen Grauschattierungen wie Christians Vater, der nicht mit dem Sohn klarkommt, oder Elias′ Mutter, die mitunter ihre Contenance verliert. Als Antagonisten, an denen sich die Konzepte zwischen Ertragen und Zurückschlagen brechen, dienen die Brutalos: fiese Mitschüler, oder der aggressive Arsch, der auf dem Spielplatz Anton attackiert, oder in Afrika der sadistische Milizführer, ein Psychopath, der Schwangeren die Leiber aufschlitzt und die Föten herausreißt, aus Spaß. Der dann verwundet bei Anton um Behandlung ersucht, im Bewusstsein seiner Macht über Leben und Tod.

Aus einer moralischen Diskussion um ethische Positionen und den daraus resultierenden Verhaltensweisen kann man einen guten Film machen. Bier ist das nicht gelungen. Denn sie verlässt sich nicht auf die Bebilderung eines Diskurses, darauf, ihn in eine parabelhafte Geschichte zu gießen. Zu sehr stützt sie sich auf Klischees, und vor allem gegen Ende - also in der letzten halben Stunde des Films - gerät sie in sentimental-melodramatische Fahrwasser, was besonders fatal ist, weil sie ihre funktionellen Figuren als volle, emotionale Charaktere begreift und daraus kaum mehr als eine soap opera formt. Sie treibt sie in dramatische Verstrickungen um Missverständnisse und Schuldzuweisungen - etwa als der verstockte, innerlich angespannte und wütende Christian Feuerwerkskörper findet, aus denen sich prima Bomben basteln lassen. Figurengewordene Diskussionsbeiträge, Thesen und Antithesen gerinnen zu stereotypen Handlungsträgern, die Erörterung moralischer Fragen wird zum sentimentalen Spiel auf der Klaviatur der Gefühle. Und die Klischees feiern fröhliche Urständ, wenn Bier ihre antithetische Konstruktion als dramatisch-emotionalen Konflikt missversteht.

Harald Mühlbeyer

Benotung des Films: (3/10)


In einer besseren Welt
OT: Hævnen
Dänemark / Schweden 2010 - 113 min.
Regie: Susanne Bier - Drehbuch: Susanne Bier, Thomas Anders Jensen - Produktion: Sisse Graum Jørgensen - Kamera: Morten Søborg - Schnitt: Pernille Bech Christensen - Verleih: Universum - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Mikael Persbrandt, William Jøhnk Nielsen, Markus Rygaard, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen
Kinostart (D): 17.03.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1340107/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/in_einer_besseren_welt/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21805/IN-EINER-BESSEREN-WELT/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritiken

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...