filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Der Adler der Neunten Legion

(USA 2010; Regie: Kevin MacDonald)

Mancher gibt sich viele Müh′ / mit dem lieben Federvieh

foto: © concorde
Am Anfang des Films steht ein von Legenden umrankter Fetisch: der goldene Adler, das Wappen der Neunten Legion. Er ging einst im Feindesland Nordbritannien verloren und mit ihm eine ganze römische Armee von fünftausend Mann. Kaiser Hadrian ließ daraufhin den nach ihm benannten Schutzwall errichten, der die Grenze des Reichs zur unzivilisierten Welt markierte. Für den Römer Marcus Aquila - Lateinkenner ahnen bereits eine Verbindung zum verschwundenen Vogel - fangen die Probleme erst an, denn er ist der Sohn des damals unterlegenen Feldherren. Er verlor nicht nur seinen Vater, sondern leidet zudem stark unter der Schmach dieser Niederlage. Und weil ein nobler Mann sich und der Welt etwas zu beweisen hat, wird das Wiedererlangen des Symbols (und der Familienehre) zu seines Lebens größtem Traum. So weit, so schlicht.

Doch das erste Kommando des aufstrebenden Kriegers steht unter einem schlechten Stern, und diese frühe Kehrtwende des Films überrascht positiv: Aquila wird schwer verletzt und muss den Militärdienst quittieren - in Ehren zwar, aber einen richtigen Soldaten kann das nicht zufrieden stellen. Die entsprechende Kampfszene bemüht sich um Realismus und ist demzufolge verwackelt, aber frei von übertriebenen Spezialeffekten und trotz des gering dosierten Blutgehalts angemessen unangenehm. Sie erinnert ein wenig an die HBO-Serie "Rome", der es in einigen Momenten bereits gelang, eine Ahnung vom jämmerlichen Dasein des gemeinen Legionärs zu vermitteln. Etwas befremdlich ist dagegen die Inszenierung der Feinde als blutrünstige, wilde Horde, die einmal mehr von Peter Jacksons Orks beeinflusst zu sein scheint - aber gut, es sind nun mal Barbaren, und wir sind ja auf der Seite der Römer und der Zivilisation und so ...

Nachdem Aquila gezwungenermaßen zum Privatmann geworden ist, benötigt er für das Erreichen seines Ziels die Hilfe eines jungen Sklaven namens Esca, dem er das Leben rettet und der ihm seines folglich schuldet. Esca kommt just aus den feindlichen Gebieten jenseits des Walls. Er soll Aquila mit seiner Sprach- und Ortskundigkeit zur Seite stehen. Doch kann der Römer ihm trauen? Es geht viel um Ehre, Treue und die Beschwörung solcher Empfindungen, denn so funktioniert dieses Genre. Aber man nimmt auch quälende Momente in Kauf, weil man dem Film nach seiner überraschenden Kehrtwende eine durchdachte moralische Fabel zutraut, zumal Action kaum eine Rolle spielt und "Der Adler der Neunten Legion" sich eher auf das dramatische Potential seiner Geschichte stützt. Marcus Aquila ist kein makelloser Sympathieträger: Wenn er nicht entdeckt werden will, tötet er auch mal einen flüchtenden Feind, der noch ein halbes Kind ist. Esca kann nur entsetzt zusehen, da er ja durch seinen Schwur gebunden ist - wodurch sich genregemäß wohl Charakterstärke zeigen soll. Doch bald ergibt es sich, dass das Machtverhältnis zwischen Herr und Sklave sich umkehrt.

Beziehungen können eine trügerische Angelegenheit mit gruseligem Ausgang sein, und dies trifft leider auch auf Beziehungen zwischen Rezipient und Film zu, denn obwohl sich zunächst etwas Außergewöhnliches und Besonderes anzukündigen scheint, enttäuscht "Der Adler der Neunten Legion" letztlich auf ganzer Linie. Die unsichere Beziehung zwischen Aquila und Esca gipfelt in einer Szene, in der ein großer Vertrauensbeweis erforderlich ist. Anstatt den Film nun dramatisch aufzulösen, wird plötzlich ein unfassbar hanebüchen motivierter Abschlusskampf übers Knie gebrochen, dessen Teilnehmer quasi aus dem Nichts auftauchen: Es sind die Deserteure und versprengten Reste der Neunten Legion, die der Sklave während der Reise heimlich und ohne das Wissen seines Herrn (oder des Zuschauers) gefunden und wiedervereint haben will. Die Läuterungsbeteuerungen der einst fahnenflüchtigen Männer gegenüber dem Sohn ihres früheren Anführers sind so schlecht geschrieben, dass sie wirklich große Schmerzen verursachen: "Als ich vor deinem Vater wegrannte, bin ich vor mir selbst weggerannt." Aber nun wird alles wieder gut, man stirbt schließlich aufrecht und stolz.

Diesem so kruden wie frustrierenden Finale folgt noch ein Dialog wie aus einem schlechten Buddy-Movie, der nahe legt, dass die beiden Helden, Römer und befreiter Sklave, nun die Tür zu neuen Abenteuern aufstoßen. Man fragt sich, an welcher Stelle die Produktion so schief gehen konnte, dass dieser abrupte Tonwechsel niemandem aufgefallen ist und ob die eklatanten Schwächen des Drehbuchs vielleicht mit der Jugendbuchvorlage zu tun haben. Aber wie auch immer: Ganz zum Schluss, und wirklich erst dann, entpuppt sich "Der Adler der Neunten Legion" als Gummihuhn.

Louis Vazquez

Benotung des Films: (3/10)


Der Adler der Neunten Legion
OT: The Eagle
USA 2010 - 114 min.
Regie: Kevin MacDonald - Drehbuch: Jeremy Brock (Drehbuch), Rosemary Sutcliff (Romanvorlage) - Produktion: Duncan Kenworthy - Kamera: Anthony Dod Mantle - Schnitt: Justine Wright - Musik: Atli Örvarsson - Verleih: Concorde - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Channing Tatum, István Göz, Bence Gerö, Denis O'Hare, Paul Ritter, Zsolt László, Julian Lewis Jones, Aladár Laklóth
Kinostart (D): 03.03.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1034389/maindetails
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/der_adler_der_neunten_legion/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21724/DER-ADLER-DER-NEUNTEN-LEGION/Kritik/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd-start: 02.12.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
dvd/bluray-start: 29.11.2016

Wiener Dog

(USA 2016; Todd Solondz)
Solondz auf Bressons Spuren von Ulrich Kriest
dvd/bluray-start: 18.11.2016

Café Belgica

(B/F 2015; Felix van Groeningen)
Rock 'n' Roll forever von Wolfgang Nierlin

Caracas, eine Liebe

(MEX/VEN 2015; Lorenzo Vigas)
So sehen Sieger aus von Nicolai Bühnemann

High-Rise

(GB/BEL 2015; Ben Wheatley)
Tower of Power auf Dauer, schick versifft von Drehli Robnik
dvd-start: 18.11.2016

Gestrandet

(D 2016; Lisei Caspers)
Klasse Kämpfe von Marit Hofmann
dvd/bluray-start: 17.11.2016

I Origins - Im Auge des Ursprungs

(USA 2014; Mike Cahill)
Augenschmaus von Carsten Happe
dvd-start: 27.10.2016

Wild

(D 2014; Nicolette Krebitz)
Eingefangen, ausgewildert von Ulrich Kriest
dvd/bluray-start: 21.10.2016

Fritz Lang

(D 2015; Gordian Maugg)
Der andere in uns von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 07.10.2016

Green Room

(USA 2015; Jeremy Saulnier)
Small Film, Big Thrills, and a Major Threat at the Door von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 06.10.2016

Blair Witch Project

(USA 1999; Daniel Myrick, Eduardo Sánchez)
Aktenzeichen XY von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 30.09.2016

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik
dvd-start: 23.09.2016

Ma Folie

(A 2015; Andrina Mracnikar)
Ver-rückte Wirklichkeit von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 22.09.2016

X-Men: Apocalypse

(USA 2016; Bryan Singer)
Der Fluch des dritten Teils von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 16.09.2016

Mustang

(F/TR/D 2015; Deniz Gamze Ergüven)
Häusliches Gefängnis von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 15.09.2016

A Bigger Splash

(I/F 2015; Luca Guadagnino)
Feuchte Entladungen auf trockener Insel von Ricardo Brunn

kurzkritik

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

ältere filme

Terror in der Oper

(IT 1987; Dario Argento)

Das überwältigte Auge

von Ricardo Brunn

Blair Witch Project

(USA 1999; Daniel Myrick, Eduardo Sánchez)

Aktenzeichen XY

von Drehli Robnik

Belladonna of Sadness

(J 1973; Eiichi Yamamoto)

Erloschene Zukunft

von Wolfgang Nierlin

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

texte

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

Die Frau im Spiegel

Ein Versuch über Douglas Sirk anlässlich der Gesamtretrospektive im Zeughauskino

von Nicolai Bühnemann

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

comic

Glücklich, was sonst?

Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus

von Sven Jachmann

An der Wand die Fuchsmaske

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

von Christoph Haas

Gleitmittel Vatikan

Der Comic-Künstler Winshluss hat sich die Bibel vorgeknöpft

von Sven Jachmann

kolumne

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-10

von Jürgen Kiontke

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn