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Alles, was wir geben mussten

(Großbritannien 2010; Regie: Mark Romanek)

Hauptsache gesund

foto: © 20th century fox
Im Jahr 1952 erlebte die Welt einen medizinischen Durchbruch. Seit 1967 hat die durchschnittliche Lebenserwartung 100 Jahre überschritten. Zwei Einblendungen zu Anfang des Films versetzen den Zuschauer in die Parallelwelt einer leicht verschobenen Realität - dann springt der Film in eine Internatsgeschichte.

Im Eliteinternat Hailsham im Jahr 1978 wachsen die Freunde Kathy, Tommy und Ruth auf, eine glückliche, behütete Kindheit, so normal, wie sie sein kann. Wären da nicht kleine Irritationsmomente: die intensive schulmedizinische Untersuchung könnte noch als vorschriftsmäßig hingenommen werden, doch dann sind da im Unterricht Rollenspiele um das korrekte Bestellen in einem Café, ein Flohmarkt mit gebrauchtem Kinderspielzeug, auf dem die Schülerinnen und Schüler mit Plastikmärkchen offenbar das Handeln und Einkaufen üben, die Gedichte und Gemälde, die von den Internatsinsassen kreiert werden, werden sorgfältig für eine geheimnisvolle Galerie aufbewahrt und es gibt diese Gerüchte von Kindern, die über den Zaun des Schulgeländes geklettert waren und niemals wiederkehrten...

Und dann kommt es raus: Die Kinder in diesem von der Welt abgeschlossenen Eliteinternat sind etwas Besonderes. Auf ihnen ruht die Hoffnung der Menschheit, sie sollen später nämlich die Krankheiten der Welt bekämpfen helfen. Indem sie hier herangezüchtet werden als künftige Organspender, als lebende Vorratskammern für lebenswichtige Organe: sie sollen ausgebeutet werden, ausgeschlachtet für die Volksgesundheit. Dafür wurden sie geschaffen - offenbar geklont -, das ist ihre einzige Aufgabe in ihrem kurzen Leben. Ende des ersten Aktes.

Wir steigen ein im Jahr 1985 auf einem idyllischen Bauernhof, wo die künftigen Organspender eine schöne, behütete Jugendzeit verbringen dürfen. Kathy, Tommy und Ruth - sie werden jetzt von den britischen (Jung)Stars Carey Mulligan, Andrew Garfield (der nächste Spiderman) und Keira Knightley gespielt - leben hier mit einigen anderen Jugendlichen aus anderen Internaten. Und sie wissen um ihr Schicksal: sie werden in ein paar Jahren ihre erste Operation hinter sich haben; und nach spätestens vier Organentnahmen werden sie sterben; oder, wie es euphemistisch heißt: vollendet sein.

Regisseur Mark Romanek tut etwas Unerhörtes: er lässt nicht hollywoodtypisch irgendjemanden gegen dieses grausame System aufbegehren, es gibt keinen Rebellen. Nein, er erzählt vor diesem unmenschlichen Hintergrund eine kleine Dreiecksgeschichte mit Kathy im Mittelpunkt, die sich schon im Internat in Tommy verliebt hatte, den ihr aber Ruth weggeschnappt hat. Was allerdings der Freundschaft des Trios nichts anhaben konnte - das ist ein weiterer subtiler Schritt Romaneks, in denen er die Zuschauererwartungen untergräbt: dass die Freundschaftsgeschichte nicht zum Eifersuchts- und Rivalitätsdrama wird. Die drei kennen nichts anderes als sich selbst, als die kleine Welt, in der sie aufgewachsen sind: es gibt keine Alternative, keine Option auf andere Freunde, auf eine andere Liebe, und keine Option auf ein anderes Leben.

Mit großer Einfühlsamkeit doppelt Romanek in seiner Freundschaftsgeschichte das große Ganze des Films: Wie Ruth Kathy das Glück ihres Lebens, die Liebe zu Tommy, weggenommen hat, so nimmt das System allen dreien ein erfülltes Leben, indem ihre Zukunft gekappt werden wird. Und wie gegen dieses System niemand aufbegehrt, weil es völlig normal ist, weil für die Protagonisten kein anderes denkbar ist, so akzeptiert auch Kathy, dass Ruth mit Tommy zusammen ist und sie nur daneben steht und zusehen darf.

Der dritte Akt des Filmes, der 1994 spielt, zeigt die Zukunft der drei, die keine ist. Ruth und Tommy haben ihre ersten Operationen hinter sich, sie sind geschwächt und der "Vollendung" nahe. Kathy wurde Pflegerin, das heißt: sie hat noch ein paar Jahre Aufschub bekommen, darf sich solange um die operierten Organspender kümmern. Alleingelassen wird in diesem System der absoluten Volksgesundheit, das über Leichen geht, niemand; das ist das Perfide daran. Die glückliche Kindheit und Jugend in Internat und auf dem Bauernhof sind sicher das Beste, was einem passieren kann - und sie sind doch nur dafür organisiert, um die wertvollen Organe der künftigen Spender zu schützen und zu bewahren. Die Opferlämmer der Medizin sollen gesund bleiben, um durch ihren Tod die Krankheiten anderer, "echter" Menschen zu heilen.

Und gerade, indem Romanek dieses System als ganz selbstverständlich hinnimmt und einfach den Umgang junger Menschen damit zeigt, wie sie darin leben und sterben, indem er nicht mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Inhumanität hinweist, macht er alles noch unheilvoller, noch abgründiger; noch emotionaler und noch bewegender. Und es geht nicht mehr nur um das Diktat eines durchmedizinisierten Systems über Leben und Sterben junger Menschen, nicht mehr nur um die Frage, wie inhuman die Menschheit werden kann (und darf), um Krankheiten zu besiegen und die Lebenserwartung der Mehrheit zu steigern, es geht um die Liebe in Zeiten der Ausweglosigkeit, darum, wie ein System der Unterdrückung durch anerzogene Gewöhnung nicht als Last, sondern als normale Gegebenheit empfunden wird. Wie Romanek das inszeniert, ist weit spannender, viel intensiver als alles andere, was auch vorstellbar wäre. Das Fehlen des Aufbegehrens, das Akzeptieren des Unmenschlichen, das reine Erzählen eines kleinen Liebesmelodrams vor dem Hintergrund ethischer Erosion: das macht den Film höchst wahrhaftig. Ergreifend, melancholisch, dramatisch, verstörend, berührend. Und unvergesslich.

Harald Mühlbeyer

Benotung des Films: (10/10)


Alles, was wir geben mussten
OT: Never Let Me Go
Großbritannien 2010 - 103 min.
Regie: Mark Romanek - Drehbuch: Alex Garland, nach dem Roman von Kazuo Ishiguro - Produktion: Andrew Macdonald, Allon Reich - Kamera: Adam Kimmel - Schnitt: Barney Pilling - Musik: Rachel Portman - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Carey Mulligan, Andrew Garfield, Keira Knightley, Izzy Meikle-Small, Charlie Rowe, Ella Purnell, Charlotte Rampling, Sally Hawkins
Kinostart (D): 14.04.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1334260/maindetails
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/alles_was_wir_geben_mussten/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21477/ALLES-WAS-WIR-GEBEN-MUSSTEN/Kritik/

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