filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Mary & Max - oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

(Australien 2009; Regie: Adam Elliot)

Interkontinentales Bündnis

foto: © mfa
Es könnte sich auch um gestandene Charaktere eines Mike Leigh-Films handeln: Mary und Max - zwei Außenseiter, verbunden durch eine skurrile Brieffreundschaft, die ihrem tristen Alltag ein Minimum an Glanz verschafft. Mary Daisy Dinkle, eine achtjährige Schülerin aus einem Melbourner Vorort, hat die Adresse von Max Jerry Horowitz, einem übergewichtigen, atheistischen Juden aus New York, zufällig im Telefonbuch entdeckt und möchte eigentlich nur von ihm wissen, ob in Amerika die Babys in Biergläsern geboren werden, so wie sie es von ihrer Mutter gehört hat. Ansonsten ist Marys Leben die diesseitige Hölle: ihre Mutter ist kettenrauchende Alkoholikerin, der Vater widmet sich in seiner Freizeit der Präparation von Vögeln, sie besitzt keine Freunde, wird in der Schule sowohl von Mitschülern als auch Lehrern verhöhnt, ist unglücklich in den Nachbarsjungen verliebt und im Großen und Ganzen so hilflos sonderbar wie Heather Matarazzo in Todd Solondz′ "Welcome to the Dollhouse".

Ihre gesamte Umgebung scheint dem mentalen Verfall preisgegeben, und da hat sie in Max ein gleichwertiges, erwachsenes Pendant gefunden: Der 44jährige leidet am Asperger Syndrom, welches dem Autismusspektrum zugerechnet wird, und laboriert zudem an zahlreichen Zwangsneurosen, d.h. alles, was die gewohnte Struktur verlässt, bedeutet ihm enormen Stress, und das kann der ablebende Goldfisch, der Tod seiner fast blinden Nachbarin oder eine problematische Frage aus Marys Briefen sein. Doch was die Zwei eint, ist die eingeschränkte Sicht auf die grausige Realität um sie herum und wie sie es durch ihren letztlich Jahrzehnte währenden Kontakt schaffen, ihr kurze, wenn auch meist recht aberwitzige Momente des Glücks abzutrotzen. Das leistet bereits die kontrastierende Bildebene: Das monotone, vorstädtische Braun Melbournes und das deprimierende Grau des urbanen Raums werden vornehmlich durch die Accessoires, die die beiden sich per Post zukommen lassen, akzentuiert. Trotzdem hat die Gegenwart noch ein paar grausige Trümpfe in der Hand, zu denen nicht nur der Tod von Marys Eltern und Max′ fast einjähriger Psychatrieaufenthalt zählen …

Nun handelt es sich indes nicht um eine Arbeit Mike Leighs, sondern um Adam Elliots Langfilmdebüt, der bereits mit seinem Frühwerk "Harvey Krumpet", das einer Blaupause zu "Mary & Max" gleicht, einen Oscar als bester animierter Kurzfilm gewann. Wären die Figuren nicht aus Plastilin, würde sich die Kamera nicht mit solcher Eleganz durch die Knetmassewelten bewegen, der Film und sein abgründiges Sujet ließen sich kaum goutieren. So aber entfaltet sich, trotz aller Tristesse, das immer warmherzige, teils groteske, teils schwarzhumorige Portrait zweier vereinsamter Charaktere, dessen Witz wie Anteilnahme sich aus den gleichen Bedingungen speisen, nämlich ihrem fragmentierten Blick auf die Welt um sie herum. Das Sammelsurium aus Süchtigen, Depressiven, Agoraphobikern und Egozentrikern wird vor allem in einen physischen Humor übersetzt, nicht in bösartige Pointen. Bei handfesten Interaktionen hingegen bleibt das Lachen oft im Halse stecken, weil den Figuren nur ambivalent begegnet werden kann - sie bemerken einfach zu selten, wie viel Tragik sie ausgesetzt sind. Die Arglosigkeit in ihrem Handeln ist also Segen und Fluch, für die Figuren und für den Zuschauer ebenso. Dieser Eindruck erhöht sich noch dank des voice over-Erzählers, dessen allwissender, nonchalanter und gleichfalls beruhigender Tonfall selbst den düstersten Situationen eine durchaus heitere Note zuführt. Und so verbinden sich in der Erzählung konsequent zwei disparate Elemente: der harte Realismus eines Mike Leigh mit seiner Vorliebe für zwangsgestrandete Outsider, die notgedrungen an einer asozialen Welt scheitern müssen und die plastilingeronnene Stop Motion-Anarchie der Aardman Company - eine wirklich betörende Symbiose.

Sven Jachmann

Benotung des Films: (8/10)


Mary & Max - oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?
OT: Mary & Max
Australien 2009 - 92 min.
Regie: Adam Elliot - Drehbuch: Adam Elliot - Produktion: Melanie Coombs - Kamera: Gerald Thompson - Schnitt: Bill Murphy - Musik: Dale Cornelius - Verleih: MFA - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: (Stimmen) Helmut Krauss, Gundi Eberhard, Sebastian Schulz, Tina Engel, Valentina Bonalana, Boris Aljinovic (Erzähler)
Kinostart (D): 26.08.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0978762/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2010/mary_max_oder_schrumpfen_schafe_wenn_es_regnet/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/20652/MARY--MAX/Kritik/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd-start: 02.12.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
dvd/bluray-start: 29.11.2016

Wiener Dog

(USA 2016; Todd Solondz)
Solondz auf Bressons Spuren von Ulrich Kriest
dvd/bluray-start: 18.11.2016

Café Belgica

(B/F 2015; Felix van Groeningen)
Rock 'n' Roll forever von Wolfgang Nierlin

Caracas, eine Liebe

(MEX/VEN 2015; Lorenzo Vigas)
So sehen Sieger aus von Nicolai Bühnemann

High-Rise

(GB/BEL 2015; Ben Wheatley)
Tower of Power auf Dauer, schick versifft von Drehli Robnik
dvd-start: 18.11.2016

Gestrandet

(D 2016; Lisei Caspers)
Klasse Kämpfe von Marit Hofmann
dvd/bluray-start: 17.11.2016

I Origins - Im Auge des Ursprungs

(USA 2014; Mike Cahill)
Augenschmaus von Carsten Happe
dvd-start: 27.10.2016

Wild

(D 2014; Nicolette Krebitz)
Eingefangen, ausgewildert von Ulrich Kriest
dvd/bluray-start: 21.10.2016

Fritz Lang

(D 2015; Gordian Maugg)
Der andere in uns von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 07.10.2016

Green Room

(USA 2015; Jeremy Saulnier)
Small Film, Big Thrills, and a Major Threat at the Door von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 06.10.2016

Blair Witch Project

(USA 1999; Daniel Myrick, Eduardo Sánchez)
Aktenzeichen XY von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 30.09.2016

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik
dvd-start: 23.09.2016

Ma Folie

(A 2015; Andrina Mracnikar)
Ver-rückte Wirklichkeit von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 22.09.2016

X-Men: Apocalypse

(USA 2016; Bryan Singer)
Der Fluch des dritten Teils von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 16.09.2016

Mustang

(F/TR/D 2015; Deniz Gamze Ergüven)
Häusliches Gefängnis von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 15.09.2016

A Bigger Splash

(I/F 2015; Luca Guadagnino)
Feuchte Entladungen auf trockener Insel von Ricardo Brunn

kurzkritik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

ältere filme

Terror in der Oper

(IT 1987; Dario Argento)

Das überwältigte Auge

von Ricardo Brunn

Blair Witch Project

(USA 1999; Daniel Myrick, Eduardo Sánchez)

Aktenzeichen XY

von Drehli Robnik

Belladonna of Sadness

(J 1973; Eiichi Yamamoto)

Erloschene Zukunft

von Wolfgang Nierlin

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

texte

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

Die Frau im Spiegel

Ein Versuch über Douglas Sirk anlässlich der Gesamtretrospektive im Zeughauskino

von Nicolai Bühnemann

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

comic

Glücklich, was sonst?

Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus

von Sven Jachmann

An der Wand die Fuchsmaske

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

von Christoph Haas

Gleitmittel Vatikan

Der Comic-Künstler Winshluss hat sich die Bibel vorgeknöpft

von Sven Jachmann

kolumne

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-10

von Jürgen Kiontke

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn