filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Das Hausmädchen

(Südkorea 2010; Regie: Im Sang-soo )

Die Dialektik von Herr und Magd

foto: © alamode
Eine junge Frau nimmt eine Stelle als Hausmädchen bei einer reichen Familie an. Eun-yi (Do-youn Jeon) ist schön, aber auch naiv, und, wie die Exposition zeigt, wohl auch etwas zu neugierig. Ihre wohlhabenden Arbeitgeber dagegen, die Gohs, sind blasiert, gelangweilt, distinguiert. Der Hausherr Hoon (Jung-jae Lee) trägt teure Hemden und trinkt noch teureren Wein, seine schöne, aber launische Frau Hae-ra (Woo Seo) ist schwanger mit Zwillingsmädchen. Eine Tochter haben beide schon, die junge Nami (Seo-hyun Ahn), um die sich Eun-yi kümmern soll. Manche haben eben alles, andere fast nichts. Eine alte Hausdame Byung-sik (Yuh-jung Youn) kümmert sich zudem seit Jahrzehnten um die Familie. Vielleicht trägt sie ein dunkles Geheimnis mit sich, eine Geschichte, die sich in ihrer Jugend ähnlich ereignet haben mag, wie sie das neue Hausmädchen erleben wird - wir werden es nie erfahren. Verbittert und etwas wunderlich ist die Alte über die Jahre geworden. Heimlich nascht sie von den Resten der Goh′schen Mahlzeiten und bedient sich am Wein des Hausherrn, als ob ihr das zusteht - dafür, dass sie all die Jahre diese hohlen, boshaften Menschen ertragen hat. Vielleicht hält sie sich auch mittlerweile für die eigentliche Hausherrin, wer weiß? Eines wird schnell offensichtlich: Das Verhältnis Herr und Knecht, bzw. Herr und Magd ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint.

Ein Selbstmord in der Exposition, den Eun-yi beobachtet, bevor sie zu den Gohs kommt, wirft bereits einen dunklen Schatten der Vorahnung über die Geschichte vom Hausmädchen, das aufs Land zieht, zu den egoistischen Bourgeois, die in eleganten, kalten, von gedämpften Weiß- und Schwarztönen bestimmten Villen leben. Das düstere Omen wird bald bestätigt, denn die Gohs werden die junge Frau ausnutzen und quälen. Doch so eindeutig sind die Machtverhältnisse nicht. Wenn der Ehemann plötzlich betrunken im Zimmer der jungen Frau steht, dann unterwirft sich das junge Hausmädchen dem stumpfsinnigen Macho, als hätte sie schon seit Wochen auf ihn gewartet. Überhaupt übernehmen die Frauen hier die zentrale Rolle als eigentlich starkes Geschlecht: Die Hausherrin und ihre Mutter scheinen zu allem fähig und im Hintergrund zieht die alte Hausdame die Fäden. Mehr als einmal wirken Hae-ra und ihre Mutter, wenn sie beim Mordpläneschmieden vor den lodernden Flammen eines offenen Kamins fotografiert werden, wie zwei Hexen. Der Mann im Haus dagegen ist nur ein eitler Geck, der selbst beim Vögeln das Spiel seiner Muskeln im Spiegel bewundert. Und doch zieht Eun-yi etwas magisch zu dieser Familie, die wie aus einem schwarzen Märchen entsprungen wirkt. Selbst als Eun-yi schwanger wird und die Frauen des Hauses einen ersten Mordanschlag auf sie verüben, kehrt das Hausmädchen zurück in das Landhaus. Die Konsequenzen sind, was sonst, mörderisch.

Sang-soo Ims "Das Hausmädchen" ist ein freies Remake des gleichnamigen, 1960 erschienenen Thrillers von Ki-young Kim, einem Meister des psychologischen, melodramatisch grundierten Horrorfilms. Kims Film ist der wohl bekannteste koreanische Film der Nachkriegszeit, und mit Regisseuren wie Martin Scorsese hat er auch im Westen viele Bewunderer. In der ersten Version des "Hausmädchens" war die Titelheldin noch eine mörderische Femme fatale. In Ims Neufassung bleiben die Beweggründe der jungen Frau rätselhaft.

Bestenfalls Fragmente einer Biografie erfahren wir von Eun-yi, fast nichts über ihr Leben vor der Begegnung mit den Gohs. Aber realistische, psychologisch motivierte Charaktere sind in der Neufassung dieser klassischen Geschichte sowieso nebenrangig. Stattdessen inszeniert Im einen postmodernen Thriller, der mit seinen boshaften Spitzen gegen die südkoreanische Bourgeoisie zu Beginn wie ein Versuch wirkt, Chabrol nach Asien zu transponieren. Über weite Strecken erinnert "Das Hausmädchen" in seiner Stilisierung auch an die Gialli, diese eleganten, wilden psychosexuellen Thriller aus dem Jet-Set-Italien der 70er Jahre. Mit der eleganten Kameraarbeit, der assoziativen Montage, den sorgfältig kadrierten CinemaScope-Bildern und der exzellenten Ausstattung des Hauses mit kubistischen Gemälden, rauschhaft-ornamentalem Jugendstil-Design und nach innen gewundenen Treppen ist "Das Hausmädchen" über weite Strecken vor allem ein visuelles Erlebnis; ein erlesener Bilderreigen, dessen effektive Wechsel von Tonalität und Stimmung umso verstörender wirken. Zum Schluss lässt Im dann den Plot Purzelbäume schlagen, gibt eine realistische Dramaturgie endgültig auf und wagt sich auf das Terrain von David Cronenberg und David Lynch.

Retrospektiv fragt man sich, ob das alles nicht die Phantasie einer der Figuren war. Aber welcher? Die der alten Hausdame, die sich eine Rachephantasie zurechtspinnt mit einer jungen Stellvertreterin ihrer selbst in der Hauptrolle? Die der schwangeren Mutter, die sich als omnipotente schwarze Märchenkönigin an ihrem treulosen Mann rächt? Oder die des jungen Hausmädchens, das sich in einer sadomasochistischen Phantasie als den heimlich aktiven Part imaginiert? In jedem Fall bestätigt "Das Hausmädchen" zusammen mit den Werken anderer südkoreanischer Filmemacher wie Joon-ho Bong ("Madeo" / "Mother"; 2009), Hong-jin Na ("Chugyeogja" / "The Chaser"; 2008), Jee-woon Kim ("Akmareul boatda" / "I Saw the Devil"; 2010) und Jeong-beom Lee ("Ajeossi" / "The Man From Nowhere"; 2010), dass die besten Thriller derzeit aus Südkorea kommen - sei es als psychologischer Kriminalfilm, klassische detective story, harter Polizeifilm, wilde Action-Fantasie oder eben als surreales Kammerspiel.

Harald Steinwender

Benotung des Films: (8/10)


Das Hausmädchen
OT: Hanyo
Südkorea 2010 - 106 min.
Regie: Im Sang-soo - Drehbuch: Sang-soo Im, Ki-young Kim - Produktion: Jason Chae, Kin Jin Sup, Choi Pyung Ho, Kim Dong Won, Kim Kyung - Kamera: Lee Hyung Deok - Schnitt: Lee Eun Soo - Musik: Kim Hong Jip - Verleih: Alamode - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Jeon Do-yeon, Lee Jung-jae, Seo Woo, Ahn Seo-hyun, Youn Yuh-jung, Park Ji-young
Kinostart (D): 21.04.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1314652/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/das_hausmaedchen/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21391/DAS-HAUSMa%A4DCHEN/Kritik/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 26.05.2016

Der Nachtmahr

(D 2015; Akiz)
Laut und luizid: Sieh dich im Ding (und lass die Ohren klingen) von Drehli Robnik

The Whispering Star

(J 2015; Sion Sono)
Die Paketbotin aus der Ewigkeit von Manfred Riepe
kinostart: 19.05.2016

Nur Fliegen ist schöner

(FR 2015; Bruno Podalydès)
Trockenübungen mit Wasser von Wolfgang Nierlin

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik
kinostart: 12.05.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
kinostart: 05.05.2016

A Bigger Splash

(IT / FR 2015; Luca Guadagnino)
Schatten im Paradies von Wolfgang Nierlin

Remake, Remix, Rip-Off

(D / TR 2014; Cem Kaya)
Der große Verhau von Ulrich Kriest
kinostart: 28.04.2016

Ein Hologramm für den König

(USA, D, FRK, GB 2016; Tom Tykwer)
Tatsächlich nur das Offizielle von Ricardo Brunn

Wer hat Angst vor Sibylle Berg

(D 2015; Wiltrud Baier, Sigrun Köhler)
Und wenn sie kommt? Dann laufen wir! von Ulrich Kriest
kinostart: 21.04.2016

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Muskelspiele von Marit Hofmann

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Alle gegen alle und jeder für sich selbst von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Zeitalter der Liebe von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Unsere kleine Farm von Ulrich Kriest
kinostart: 14.04.2016

Fritz Lang

(D 2015; Gordian Maugg)
Der andere in uns von Wolfgang Nierlin

Much Loved

(F/MA 2015; Nabil Ayouch)
Gesellschaftliche Doppelmoral von Wolfgang Nierlin

Nomaden des Himmels

(KG 2015; Mirlan Abdykalykov)
Das Erbe bewahren von Wolfgang Nierlin

Wild

(D 2014; Nicolette Krebitz)
Eingefangen, ausgewildert von Ulrich Kriest
kinostart: 07.04.2016

Ein Mann namens Ove

(SE 2016; Hannes Holm)
Blockwart mit Orientierungsproblemen von Julia Olbrich

Gestrandet

(D 2016; Lisei Caspers)
Klasse Kämpfe von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
bluray-start: 20.05.2016dvd-start: 20.05.2016

Louder Than Bombs

(NOR / F / DK 2015; Joachim Trier)
Mit Luhmann im Kino von Ulrich Kriest
bluray-start: 12.05.2016dvd-start: 12.05.2016

Bridge of Spies - Der Unterhändler

(USA 2015; Steven Spielberg)
Blicke zur Brücke von Drehli Robnik
bluray-start: 29.04.2016dvd-start: 29.04.2016

Knock Knock

(USA, CHI 2015; Eli Roth)
Die Lust an der Zerstörung von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 22.04.2016dvd-start: 22.04.2016

Carol

(GB / USA 2015; Todd Haynes)
Schmerzlicher Befreiungsschlag von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 07.04.2016dvd-start: 07.04.2016

Das brandneue Testament

(B/F/LU 2015; Jaco Van Dormael)
Der Gorilla, die Deneuve und Gott von Manfred Riepe

Macbeth

(GB 2015; Justin Kurzel)
Fremdkörper im Bilderrausch von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 07.04.2016

Hördur - Zwischen den Welten

(D 2015; Ekrem Ergün )
Kino auf Psychopharmaka von Ricardo Brunn
bluray-start: 01.04.2016dvd-start: 01.04.2016

Ewige Jugend

(I / F / GB 2015; Paolo Sorrentino)
Sehnsüchtige Statisten im Theater des Lebens von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 24.03.2016dvd-start: 24.03.2016

Mia Madre

(I 2015; Nanni Moretti)
Gefühle kennen keine Dramaturgie von Ilija Matusko
bluray-start: 16.03.2016dvd-start: 16.03.2016

Irrational Man

(USA 2015; Woody Allen)
Bauchgefühl und Schnapsidee von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 11.03.2016dvd-start: 11.03.2016

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein hessischer Held der Pflicht als Nazijäger und Bundes-Moses von Drehli Robnik

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Die Socken sind kariert! von Dietrich Kuhlbrodt

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein großes thematisches Paket von Manfred Riepe

Thief - Der Einzelgänger

(USA 1981; Michael Mann)
Man(n) at Work von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

texte

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

Best of Kinojahr 2015

Die Oscars der Filmgazette

Peter Kern (13.2.1949 - 26.8.2015)

Der kompromisslos-radikale Autorenfilmer war ein aus der Zeit gefallenes Relikt

von Ulrich Kriest

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn