filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Arschkalt

(Deutschland 2011; Regie: André Erkau)

Die Geschichte vom brennenden Iglu

foto: © nfp
Ein emotional eingefrorener Tiefkühlkostlieferant wird aus seiner zynischen Starre gerissen, als ihm die neue Chefin einen Beifahrer in den Lieferwagen setzt, den er innerhalb zweier Wochen zum Verkäufer schulen soll - ansonsten sei er seinen Job los. Nun ist Teamgeist gefragt - doch der Misanthrop ist naturgemäß wenig begeistert von seinem geradezu aufdringlich lebenslustigen Kollegen. Nach und nach jedoch taut er auf, freundet sich an, interessiert sich sogar für das Lächeln seiner Chefin. Doch damit fangen die Probleme erst an ...

Sommerzeit: Komödienzeit. Die idealen Voraussetzungen für einen Film, der so sehr auf offensichtlichen Gegensätzen aufbaut, wie "Arschkalt". Denn schließlich geht es in ihm um das große Auftauen, die Resozialisierung des zwischenmenschlich vergletscherten Rainer Berg (ein souveräner Herbert Knaup), der den Betrieb des Vaters in den Ruin geführt hat, dessen Frau schon lange davongelaufen ist, und der sein Dasein zwischen Mietwohnung im unpersönlichen Hochhausklotz und Industriegebiet fristet. Dieser Mann hat sich in die innere Isolation zurückgezogen, und seine kuriose Berufswahl ist freilich völlig plausibel: zwischen Tiefkühlkost, Kühlhäusern und Stunden allein im Lastwagen auf Überlandstraßen hat er für sich eine Nische gefunden, in der er ungehemmt seinem Grantlertum frönen darf. Berg hat sich aus der Solidaritätsgemeinschaft verabschiedet. Doch dann die Erschütterung: Da ist die neue Chefin Lieke (Elke Winkens), die Paroli bietet  und gar nicht mal so unsympathisch ist, der Beifahrer Moerer (Johannes Allmeyer aus "vincent will meer"), der mit entwaffnender Fröhlichkeit und nerviger Penetranz zugleich die Kommunikation erzwingt, und schließlich  Bergs Vater (Peter Franke), der zum runden Geburtstag die Bewohner seines Altenheimes samt Belegschaft in den alten Familienbetrieb einlädt, und dessen Konkurs Berg Junior schon seit Jahren verheimlicht. Der Protagonist gerät also mächtig unter Druck - und je mehr sich die Horizonte auf dem Weg zurück in die Gesellschaft öffnen, desto größer werden die Konflikte.

"Arschkalt" ist ein Film, der in beinah allen Aspekten völlig unsubtil ist - und gerade deswegen so ärgerlich. Er traut seinem Zuschauer überhaupt nichts zu. Alles wird ausdiskutiert oder in Worte gepackt - nichts wird mit Bildern erzählt. Zudem werden die Metaphern überstrapaziert, die Darsteller sind unterfordert, der Plot ist meilenweit vorhersehbar. Sein norddeutscher Humor ist, um im Horizont des Films zu formulieren: so flach wie das Land selbst. Erkaus Anliegen mag ehrenwert sein: die Darstellung einer inhuman gewordenen Dienstleistungsgesellschaft, vor der das Individuum frustriert in die Isolation hinein und dem Burnout entgegen fährt. Schon in seinem Film "Selbstgespräche" (2007) hatte der Regisseur sich des Sujets angenommen. Mit "Arschkalt" allerdings glückt ihm dies nicht: Anstatt eine bittere Komödie vor einem ernsten Hintergrund zu inszenieren, missbraucht der Film sein Thema. Ihm fehlt jene bissige Abgründigkeit, die den Blick hinter die Oberfläche freigibt, um so das eigentliche Drama ins Zentrum zu rücken. In dieser also letztlich flachen Komödie versandet jede Gesellschaftskritik in stereotypen Unterhaltungs(fernseh)filmkonventionen, die - und das darf man ihm dann doch zugute halten - in einigen wenigen, seltenen Momenten funktioniert; Momente, in denen Herbert Knaups Zynismusdarstellung durchschlägt.

Danach ist wieder zwanghafte Konfliktgenerierung angesagt, was sich beispielhaft an der Figur Moerers, des ungewünschten Beifahres, verdeutlichen lässt. Über ihn gibt es kaum ein Geschichte zu erzählen: Für sich alleine genommen wäre die Banalität der Filmfigur untragbar (Zitat: "Die Welt ist voll geilo! Alles ist möglich!"). Doch in "Arschkalt" ist diese eine der Hauptfiguren, und es wird in beinah jedem Moment deutlich, dass sie lediglich eine rein konfliktauslösende Triggerfunktion erfüllt, und somit vollständig im Dienste Bergs steht. Ohne Berg kein Moerer. Soviel zur Oppositionsschusterei.

Zu allem Überfluss ist der Film durch kapitelartige Einschübe gegliedert, in denen Berg, morgens im Bett liegend und neben ihm der volle Ascher, in Selbstgesprächen seinen Leidenszustand reflektiert. Hier werden allerlei Tiefkühlprodukte zur Allegoriegestaltung bemüht um seelische Zustände zu beschreiben, die natürlich selbstironisch psychologische Tiefe vorgaukeln sollen - und sich jedoch auf einem Katja-Riemann-auf-Prosecco-Niveau einpendeln: Er sei wie ein Fischstäbchen ... ein Leben lang in eine eisige Hülle eingepackt, die nur direkt vor dem Tod mal kurz auftaut. Solche Einführung in Tiefkühlkostphilosophie passt wunderbar zum einzig emblematischen Bild des Films, in dem nach einer Nacht der Trunkenheit die Figuren ihre fragile Existenz akzeptieren und bereit sind, auf ein neues Leben zuzugehen: Im Hof des Lieferbetriebs fängt das Kunststoff-Iglu Feuer. Flammen schlagen hoch, es ist mit Gas gefüllt. Nun wird aufgetaut, und das düstere Ende ist plötzlich ferner, als Berg sich das vorzustellen bereit war. Es bleibt also noch etwas Zeit - auch für weitere Sommerkomödien. Bitte warm anziehen.

Michael Schleeh

Benotung des Films: (3/10)


Arschkalt
OT: Arschkalt
Deutschland 2011 - 90 min.
Regie: André Erkau - Drehbuch: André Erkau - Produktion: Björn Vosgerau, Uwe Kolbe, Stefan Schubert, Ralph Schwingel, Hejo Emons - Kamera: Dirk Morgenstern - Schnitt: Florian Miosge - Musik: Dürbeck & Dohmen - Verleih: NFP - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Herbert Knaup, Johannes Allmayer, Elke Winkens, Peter Franke, Thorsten Merten, Philipp Hochmair, Mira Partecke, Kirsten Block, Johanna Katharina Geißler, Marion Breckwoldt
Kinostart (D): 21.07.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1692479/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/arschkalt/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22213/ARSCHKALT/Kritik/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 26.05.2016

Der Nachtmahr

(D 2015; Akiz)
Laut und luizid: Sieh dich im Ding (und lass die Ohren klingen) von Drehli Robnik

The Whispering Star

(J 2015; Sion Sono)
Die Paketbotin aus der Ewigkeit von Manfred Riepe
kinostart: 19.05.2016

Nur Fliegen ist schöner

(FR 2015; Bruno Podalydès)
Trockenübungen mit Wasser von Wolfgang Nierlin

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik
kinostart: 12.05.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
kinostart: 05.05.2016

A Bigger Splash

(IT / FR 2015; Luca Guadagnino)
Schatten im Paradies von Wolfgang Nierlin

Remake, Remix, Rip-Off

(D / TR 2014; Cem Kaya)
Der große Verhau von Ulrich Kriest
kinostart: 28.04.2016

Ein Hologramm für den König

(USA, D, FRK, GB 2016; Tom Tykwer)
Tatsächlich nur das Offizielle von Ricardo Brunn

Wer hat Angst vor Sibylle Berg

(D 2015; Wiltrud Baier, Sigrun Köhler)
Und wenn sie kommt? Dann laufen wir! von Ulrich Kriest
kinostart: 21.04.2016

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Muskelspiele von Marit Hofmann

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Alle gegen alle und jeder für sich selbst von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Zeitalter der Liebe von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Unsere kleine Farm von Ulrich Kriest
kinostart: 14.04.2016

Fritz Lang

(D 2015; Gordian Maugg)
Der andere in uns von Wolfgang Nierlin

Much Loved

(F/MA 2015; Nabil Ayouch)
Gesellschaftliche Doppelmoral von Wolfgang Nierlin

Nomaden des Himmels

(KG 2015; Mirlan Abdykalykov)
Das Erbe bewahren von Wolfgang Nierlin

Wild

(D 2014; Nicolette Krebitz)
Eingefangen, ausgewildert von Ulrich Kriest
kinostart: 07.04.2016

Ein Mann namens Ove

(SE 2016; Hannes Holm)
Blockwart mit Orientierungsproblemen von Julia Olbrich

Gestrandet

(D 2016; Lisei Caspers)
Klasse Kämpfe von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
bluray-start: 20.05.2016dvd-start: 20.05.2016

Louder Than Bombs

(NOR / F / DK 2015; Joachim Trier)
Mit Luhmann im Kino von Ulrich Kriest
bluray-start: 12.05.2016dvd-start: 12.05.2016

Bridge of Spies - Der Unterhändler

(USA 2015; Steven Spielberg)
Blicke zur Brücke von Drehli Robnik
bluray-start: 29.04.2016dvd-start: 29.04.2016

Knock Knock

(USA, CHI 2015; Eli Roth)
Die Lust an der Zerstörung von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 22.04.2016dvd-start: 22.04.2016

Carol

(GB / USA 2015; Todd Haynes)
Schmerzlicher Befreiungsschlag von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 07.04.2016dvd-start: 07.04.2016

Das brandneue Testament

(B/F/LU 2015; Jaco Van Dormael)
Der Gorilla, die Deneuve und Gott von Manfred Riepe

Macbeth

(GB 2015; Justin Kurzel)
Fremdkörper im Bilderrausch von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 07.04.2016

Hördur - Zwischen den Welten

(D 2015; Ekrem Ergün )
Kino auf Psychopharmaka von Ricardo Brunn
bluray-start: 01.04.2016dvd-start: 01.04.2016

Ewige Jugend

(I / F / GB 2015; Paolo Sorrentino)
Sehnsüchtige Statisten im Theater des Lebens von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 24.03.2016dvd-start: 24.03.2016

Mia Madre

(I 2015; Nanni Moretti)
Gefühle kennen keine Dramaturgie von Ilija Matusko
bluray-start: 16.03.2016dvd-start: 16.03.2016

Irrational Man

(USA 2015; Woody Allen)
Bauchgefühl und Schnapsidee von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 11.03.2016dvd-start: 11.03.2016

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein hessischer Held der Pflicht als Nazijäger und Bundes-Moses von Drehli Robnik

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Die Socken sind kariert! von Dietrich Kuhlbrodt

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein großes thematisches Paket von Manfred Riepe

Thief - Der Einzelgänger

(USA 1981; Michael Mann)
Man(n) at Work von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

texte

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

Best of Kinojahr 2015

Die Oscars der Filmgazette

Peter Kern (13.2.1949 - 26.8.2015)

Der kompromisslos-radikale Autorenfilmer war ein aus der Zeit gefallenes Relikt

von Ulrich Kriest

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn