filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

John Carpenter's The Ward

(USA 2010; Regie: John Carpenter)

Retro als Prinzip

foto: © concorde
Ein wenig kann man bei diesem Comeback schon denken, dass ein alter Meister dem Zeitgeist die lange Nase zeigen will: John Carpenter hat nach fast 10 Jahren einen neuen Film gedreht. In der Zwischenzeit wurden bereits drei seiner wichtigsten Werke als Remakes der Gegenwart angepasst. Es wird an Rob Zombies genreaffinem, demütigem Umgang mit dem Film und dessen Rezeptionsgeschichte liegen, dass seine Lesart von "Halloween" (2007) die konfektionierten Updates von "Das Ende" (2005) und "The Fog" (ebenfalls 2005) vergleichsweise monumental überstrahlt. Carpenter selbst hingegen produzierte seit seinem Horror-Sci Fi-Kiesgruben-Desaster "Ghosts of Mars" (2001) nur noch zwei Episoden der amerikanischen TV-Serie "Masters of Horror" (2005/2006). Seine Reputation verdankte sich da schon längst nicht mehr seinem gegenwärtigen Schaffen, sondern schien mindestens so anachronistisch wie die Art seines Filmemachens selbst.

John Carpenter ist, man liest es oft, ein verbissener Handwerker, ein stoischer Genre-Auteur, der nach wie vor unbeirrt mit jener Hacke auf seinen Materialsteinbruch drischt, die ihm schon in frühen Jahren zu Ruhm verhalf, und auch wenn diese Eigenschaft bei vielen seiner Kollegen als hochgeschätzte Tugend angerechnet wird, ob sie nun Samuel Fuller oder Don Siegel heißen, befindet er sich in der ständigen Bringschuld, seine meist eben auch künstlerischen Flops durch ein formidables Alterswerk mit einem selbstbewussten Ausrufezeichen zu versehen. Man betrachte die Entwicklung einiger Generationsweggefährten, beispielsweise Tobe Hooper oder Dario Argento, und erkennt sehr schnell den Unterschied zwischen schlechter Regie und schlechter Drehbuchwahl. Ausgefeilte Plots oder differenzierte Psychologisierungen zeichneten Carpenters Filme nie aus, sondern stets die Beschränkung von Raum und Zeit; seinen typisierten Figuren blieb nicht mehr, als auf die Situation zu reagieren, in die sie meist schon nach wenigen Minuten geworfen wurden.

Dieses Prinzip strukturiert auch "The Ward", einen Klinikhorrorfilm, der, wäre die Welt ein gerechter Ort, Carpenter zumindest ansatzweise rehabilitieren sollte, gärte in der Kritik nicht diese lausige Symbiose aus Häme und Geschichtsblindheit. Peinliche Anbiederungsversuche an Erzählkonventionen, an Muster der Torture Porns und des unzuverlässigen Erzählens, sowie stereotype Charakterentwürfe zählt man diesmal auf der Minusseite. Belegt letzteres ganz banal lediglich die Unfähigkeit, den Plot überhaupt erst einmal für sich zu dechiffrieren, vergisst ersteres wahlweise Carpenters Ouevre oder die Bildgesetze des Horrorfilms selbst, die hier, wenn überhaupt, ikonografisch im Gewand des weitaus betagteren Slasherfilms in Erscheinung treten.

Der Film setzt mit einer straighten Ausgangssituation in den 60er Jahren ein: Kristen (Amber Heard) hetzt im Nachthemd durch einen abgestorbenen Wald, verharrt vor einem Landhaus und brennt es triumphierend nieder. Von der Polizei wird sie daraufhin in eine psychiatrische Klinik verfrachtet, wo man mindestens ebenso ratlos über Kirstens Herkunft und Handeln räsoniert wie sie selbst. Sehr dialogarm geht das in ersten 20 Minuten von statten, Carpenter etabliert die Anstalt einzig über die Mise-en-scène als bedrohlichen, fremden Ort, in dem sich Zuschauer wie Protagonistin schlagartig orientieren müssen. Vier weitere Frauen befinden sich auf Kristens Station, die vom ansonsten überschaubaren und undurchsichtigen Personal - Typus: ruppiger Pfleger, ignorante Stationsschwester, diabolischer Arzt - überwacht werden. Schnell stellt sich heraus, dass auf den Gängen etwas umhergeht, was nicht von irdischer Herkunft sein kann und scheinbar mit den Biographien von Kristens Mitinsassinnen zusammenhängt …

Nichts an diesem Szenario ist neu, und weil dies bei Carpenter nie anders war, konzentriert sich der gesamte Bildapparat darauf, das Geschehen auf seine narrative Effektivität abzuklopfen. Das erzeugt heute, wo jüngere Produktionen wie "The House of the Devil" oder "Super 8" sich sogar im Inszenierungsverfahren auf vergangene Dekaden berufen, umso anschaulicher einen unfreiwilligen Retroeffekt, der Carpenters Stärke hervorhebt: Keine Nebenerzählungen, kein Bilderstakkato, kein Meta und keine Ironie entfernen von dem Zentrum der Angsterzeugung (selbst der geringfügige Einsatz von Ellipsen zu Beginn erhöht allenfalls den Eindruck, als wolle die Erzählung so schnell wie möglich im Sanatorium ankommen), das sich - wie schon in "Das Ende" (1976), "The Fog" (1980), "Das Ding aus einer anderen Welt" (1982) oder "Die Fürsten der Dunkelheit" (1987) - als angsteinflößender Ort, von dem jede Flucht unmöglich ist, vollkommen selbst genügt. Das Rad bleibt also nach altbekannter Manier in Bewegung; was höchstens ausbleibt, sind Überraschungen (zu denen u.a. zählt, dass der einst so charakteristische Synthiescore Carpenters recht sphärischen Tönen gewichen ist).

Trotzdem ist es ein wahrer Genuss, dabei zuzusehen, wie eine dezent und bedacht platzierte Kamera, die sich nie grundlos in Bewegung setzt und eine Montage, die schlicht und ergreifend dem Anschluss und keiner weiteren Manierismen verpflichtet ist, mit einer gewissen Leck mich-Attitüde in den besten Momenten für ambitionierten old school-Schauder sorgen, der weniger seinem Plot als seinem Setting vertraut. Wenn dann der finale Plot Point nach heutigen Maßstäben konventionell daher kommt, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihn kein vorausgegangenes Element im Sinne eines bloß schockorientierten Budenzaubers, der überwältigen, aber keine Zusammenhänge herstellen will, ankündigte.

Sven Jachmann

Benotung des Films: (7/10)


John Carpenter's The Ward
OT: The Ward
USA 2010 - 91 min.
Regie: John Carpenter - Drehbuch: Michael Rasmussen, Shawn Rasmussen - Produktion: Doug Mankoff, Mike Marcus, Andrew Spaulding, Peter Block - Kamera: Yaron Orbach - Schnitt: Patrick McMahon - Musik: Mark Kilian - Verleih: Concorde - FSK: keine Jugedfreigabe - Besetzung: Amber Heard, Jared Harris, Danielle Panabaker, Lyndsy Fonseca, Mamie Gummer, Mika Boorem, Sydney Sweeney, Laura-Leigh, Sean Cook, Milos Milicevic, Sali Sayler
Kinostart (D): 29.09.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1369706/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/john_carpenter_s_the_ward/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22193/JOHN-CARPENTERS-THE-WARD/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 26.05.2016

Der Nachtmahr

(D 2015; Akiz)
Laut und luizid: Sieh dich im Ding (und lass die Ohren klingen) von Drehli Robnik

The Whispering Star

(J 2015; Sion Sono)
Die Paketbotin aus der Ewigkeit von Manfred Riepe
kinostart: 19.05.2016

Nur Fliegen ist schöner

(FR 2015; Bruno Podalydès)
Trockenübungen mit Wasser von Wolfgang Nierlin

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik
kinostart: 12.05.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
kinostart: 05.05.2016

A Bigger Splash

(IT / FR 2015; Luca Guadagnino)
Schatten im Paradies von Wolfgang Nierlin

Remake, Remix, Rip-Off

(D / TR 2014; Cem Kaya)
Der große Verhau von Ulrich Kriest
kinostart: 28.04.2016

Ein Hologramm für den König

(USA, D, FRK, GB 2016; Tom Tykwer)
Tatsächlich nur das Offizielle von Ricardo Brunn

Wer hat Angst vor Sibylle Berg

(D 2015; Wiltrud Baier, Sigrun Köhler)
Und wenn sie kommt? Dann laufen wir! von Ulrich Kriest
kinostart: 21.04.2016

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Muskelspiele von Marit Hofmann

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Alle gegen alle und jeder für sich selbst von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Zeitalter der Liebe von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Unsere kleine Farm von Ulrich Kriest
kinostart: 14.04.2016

Fritz Lang

(D 2015; Gordian Maugg)
Der andere in uns von Wolfgang Nierlin

Much Loved

(F/MA 2015; Nabil Ayouch)
Gesellschaftliche Doppelmoral von Wolfgang Nierlin

Nomaden des Himmels

(KG 2015; Mirlan Abdykalykov)
Das Erbe bewahren von Wolfgang Nierlin

Wild

(D 2014; Nicolette Krebitz)
Eingefangen, ausgewildert von Ulrich Kriest
kinostart: 07.04.2016

Ein Mann namens Ove

(SE 2016; Hannes Holm)
Blockwart mit Orientierungsproblemen von Julia Olbrich

Gestrandet

(D 2016; Lisei Caspers)
Klasse Kämpfe von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
bluray-start: 20.05.2016dvd-start: 20.05.2016

Louder Than Bombs

(NOR / F / DK 2015; Joachim Trier)
Mit Luhmann im Kino von Ulrich Kriest
bluray-start: 12.05.2016dvd-start: 12.05.2016

Bridge of Spies - Der Unterhändler

(USA 2015; Steven Spielberg)
Blicke zur Brücke von Drehli Robnik
bluray-start: 29.04.2016dvd-start: 29.04.2016

Knock Knock

(USA, CHI 2015; Eli Roth)
Die Lust an der Zerstörung von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 22.04.2016dvd-start: 22.04.2016

Carol

(GB / USA 2015; Todd Haynes)
Schmerzlicher Befreiungsschlag von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 07.04.2016dvd-start: 07.04.2016

Das brandneue Testament

(B/F/LU 2015; Jaco Van Dormael)
Der Gorilla, die Deneuve und Gott von Manfred Riepe

Macbeth

(GB 2015; Justin Kurzel)
Fremdkörper im Bilderrausch von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 07.04.2016

Hördur - Zwischen den Welten

(D 2015; Ekrem Ergün )
Kino auf Psychopharmaka von Ricardo Brunn
bluray-start: 01.04.2016dvd-start: 01.04.2016

Ewige Jugend

(I / F / GB 2015; Paolo Sorrentino)
Sehnsüchtige Statisten im Theater des Lebens von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 24.03.2016dvd-start: 24.03.2016

Mia Madre

(I 2015; Nanni Moretti)
Gefühle kennen keine Dramaturgie von Ilija Matusko
bluray-start: 16.03.2016dvd-start: 16.03.2016

Irrational Man

(USA 2015; Woody Allen)
Bauchgefühl und Schnapsidee von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 11.03.2016dvd-start: 11.03.2016

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein hessischer Held der Pflicht als Nazijäger und Bundes-Moses von Drehli Robnik

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Die Socken sind kariert! von Dietrich Kuhlbrodt

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein großes thematisches Paket von Manfred Riepe

Thief - Der Einzelgänger

(USA 1981; Michael Mann)
Man(n) at Work von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

texte

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

Best of Kinojahr 2015

Die Oscars der Filmgazette

Peter Kern (13.2.1949 - 26.8.2015)

Der kompromisslos-radikale Autorenfilmer war ein aus der Zeit gefallenes Relikt

von Ulrich Kriest

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn