filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Liegen lernen

(Deutschland 2003; Regie: Hendrik Handloegten)

Just like youth never happened

foto: © warner / x verleih (dvd)
Rückwärts wendet sich "Liegen Lernen", um was zu tun? Uns Mittvierzigern Erinnerungen an Erinnerungen zu schenken? Uns mit unserer belanglosen Achtziger-Jahre-Adoleszenz zu versöhnen?

Interessant ist, dass Filme über Jugend in den Achtzigern - die immer häufiger gemacht werden, weil die, die in den Achtzigern jung waren, langsam arriviert genug sind, Filme machen zu dürfen - völlig anders aussehen als die Filme, die in den Achtzigern über das Jungsein in den Achtzigern gedreht wurden. Hauptmerkmal dieser, auch in "Liegen Lernen" versuchten, Vergangenheitsbewältigung: Das war alles nicht so grell und vor allem nicht so witzig, sondern ziemlich öde, normal und dumpf. Und wenn die Theorie stimmt, dass in repressiven Zeiten besonders viele Komödien gemacht werden, dann sind all die hysterisch-lustigen Filme der Dörries und wie wie sie alle heissen, in denen Katja Riemann und die ganz verrückte Zweier-, Dreier-, Viererkiste die Hauptrolle spielte, bester Beleg dafür, dass der deutsche Film umso unterhaltender und apolitischer war, je dröger und apolitischer seine Zeit wurde, sprich: die Achtziger waren ganz schön schlimm!

Irgendwas hat sich seitdem im deutschen Film geändert. Die spießig-skurrilen Komödien, deren Protagonisten dadurch nervten, dass sie psychomäßig null gemeinsame Schnittmenge mit uns hatten, sterben langsam aus, und spätestens seit Hans-Christian Schmids "23- Nichts ist wie es scheint" versuchen Regisseure die deutschen achtziger Jahre aus der Erinnerung zu rekonstruieren, was mal besser, mal weniger gelingt, aber stets zu interessanteren Ergebnissen führt, als die zeitgenössischen Exponate (sieht man mal von Ausnahmen ab, wie Detlev Bucks Frühwerk).

Helmut (Fabian Busch) soll erwachsen werden - fordert seine Freundin. Entweder ein Kind machen oder Schluss. Eigentlich liebt er sie ja wirklich, aber um mit seiner eingeschliffenen passiv-verantwortungsfreien Lebenshaltung endlich ein Ende machen zu können, meint er, sich und uns erklären zu müssen, wie und wodurch er zu dem geworden ist, der sich vor finalen Bindungsentscheidungen scheut. Also erzählt er - oder besser: zählt er auf -, welches Mädchen er wann (nämlich in den Achtzigern), warum und wie geliebt hat: Außer einer, der ersten, hat er nämlich nie eine geliebt - bis offenbar jetzt.

Und jetzt tritt der Film in seine Hauptleistungsphase, er erweckt das Jahr 1982 recht schön zum Leben: Die Schulklasse, die Klassenfahrt nach Berlin, die modisch politisch überengagierte Klassenschöne Britta, mit ihren liberalen Eltern, die sie mit Vornamen anspricht, während Helmuts Eltern Vater und Mutter bleiben, in seinem beengten kleinbürgerlichen Zuhause. In diesem Teil stimmt so manches, und selten wurde eine erste Verliebtheit engagierter ausgemalt als in diesem Film. "Liegen Lernen" beharrt dabei ausschliesslich auf der subjektiven Perspektive des Helden, aber das schadet nicht, denn mit ihm gemeinsam bekommen wir (später) auch seine Irrtümer und Fehleinschätzungen zu sehen. Schöne Einsichten bekommen wir, über die damalige Jugend, die insgesamt noch nicht so cool oder abgebrüht war, sondern - und das mag ich bestätigen - verglichen mit heute naiv und nett (oder ist heute Jugend naiv und cool?).

Schwach ist der Film in Punkto Musik. In einem coming of age-Film über die Achtziger, eine musikalisch ziemlich wichtige Zeit, drängt sich eine akustische Illustration der inneren Befindlichkeiten geradezu auf, doch über Kansas′ "Dust in The Wind" und Fischer Z′s "Berlin" geht der Film nicht nachhaltig hinaus, "like punk, wave, hiphop never happened". Vielleicht - und da nähern wir uns auch schon meinem Haupteinwand - liegt dieser Mangel aber in der Langweiligkeit des Protagonisten, der an keiner Stelle so vital ist, dass er die Erregung vitaler Popmusik, von der es in Achtzigern jede Menge gab, vernimmt. Wenn Popmusik den Gefühlen Jugendlicher Ausdruck verleiht, dann ist unser Helmut - misst man ihn an der ihm zugeordneten Musik - überhaupt kein Jugendlicher. Tanzt er z.B. jemals?

Weniger einfühlsam und eher oberflächlich begleitet der Film Helmut - nach Brittas plötzlichem Abgang - durch seine Twen-Zeit. Studenten-WG, Studium, Beziehungen, Fremdgehen. Die westdeutschen Achtziger bestehen für Helmut fast nur aus Liebesbeziehungen und Helmut Kohl - vermittelt uns der Film. Und letzterer muss irgendwie unangenehm gewesen sein. Hier wird der Film zu unaufmerksam, zu mager, zu privatim, zu weit weg vom Achtzigerzeitgeist, zu sehr liebes Unterhaltungskino, als dass er treffend oder gar kritisch sein könnte.

Je länger "Liegen Lernen" dauert, desto ungenauer werden auch seine Figuren. Die Mauer fällt. Britta taucht wieder auf - im ekstatischen, großdeutschen Berlin, völlig verändert, wie nach einer Gehirnwäsche; möglich wäre dergleichen, aber erklärt wird ihre persönliche Wandlung gar nicht. Die Personage gerät oft zu oberflächlich. Schließlich ordnen sich Handlung und Figuren zu sehr einem zu konstruierten Script unter, in dem Helmuts Egoperspektive und sein programmatisches Erwachsenwerden Prämisse sind.

Vorweg genommen sei: Er wird es ...
Und dass der Film tatsächlich damit endet, dass Helmut erwachsen wird, am Ende nicht nur "liegen" (schließlich fällt er noch einmal voll auf die Fresse) sondern auch "lieben" gelernt haben will, was der Titel ja unheimlich raffiniert impliziert, ist zu schlicht und einfach, als dass man es nun noch glauben möchte. Dieses Erwachsenwerden nach Plan offenbart wohl am ehesten, wie unerwachsen es in den Köpfen von Romanvorlagenautor/Regisseur zugehen mag, und so bleibt "Liegen Lernen" ein teilweise netter, da partiell stimmige Atmosphäre produzierender Film, der leider insgesamt eher etwas für reichlich angepasste, von klein auf Vierzigjährige ist, zu denen ich mich dann doch nicht zählen möchte....

"Lügen lernen" wäre vielleicht der treffendere Titel. Sich selbst belügen lernen - darüber, dass man nichts verpasst hat. Und dann ganz schnell erwachsen sein? Weitere Vierzigjährige zeugen? Und gut is?
Oder wie?

Nee, danke! Punk rules! Oder irgendwas in der Art …

Andreas Thomas

Benotung des Films: (6/10)


Liegen lernen
OT: Liegen lernen
Deutschland 2003 - 87 min.
Regie: Hendrik Handloegten - Drehbuch: Hendrik Handloegten - Produktion: Maria Köpf - Kamera: Florian Hoffmeister - Schnitt: Eleena Bromund - Musik: Dieter Schleip - Verleih: Warner / X Verleih (DVD) - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Fabian Busch, Susanne Bormann, Fritzi Haberlandt, Sophie Rois, Anka Sarstedt, Birgit Minichmayr, Florian Lukas, Tino Mewes, Sebastian Münster, Beate Abraham, Wilfried Dziallas, Uwe Rohde
Kinostart (D): 04.09.2003

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0325734/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2003/liegen_lernen/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/9015/LIEGEN-LERNEN/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 26.05.2016

Der Nachtmahr

(D 2015; Akiz)
Laut und luizid: Sieh dich im Ding (und lass die Ohren klingen) von Drehli Robnik

The Whispering Star

(J 2015; Sion Sono)
Die Paketbotin aus der Ewigkeit von Manfred Riepe
kinostart: 19.05.2016

Nur Fliegen ist schöner

(FR 2015; Bruno Podalydès)
Trockenübungen mit Wasser von Wolfgang Nierlin

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik
kinostart: 12.05.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
kinostart: 05.05.2016

A Bigger Splash

(IT / FR 2015; Luca Guadagnino)
Schatten im Paradies von Wolfgang Nierlin

Remake, Remix, Rip-Off

(D / TR 2014; Cem Kaya)
Der große Verhau von Ulrich Kriest
kinostart: 28.04.2016

Ein Hologramm für den König

(USA, D, FRK, GB 2016; Tom Tykwer)
Tatsächlich nur das Offizielle von Ricardo Brunn

Wer hat Angst vor Sibylle Berg

(D 2015; Wiltrud Baier, Sigrun Köhler)
Und wenn sie kommt? Dann laufen wir! von Ulrich Kriest
kinostart: 21.04.2016

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Muskelspiele von Marit Hofmann

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Alle gegen alle und jeder für sich selbst von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Zeitalter der Liebe von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Unsere kleine Farm von Ulrich Kriest
kinostart: 14.04.2016

Fritz Lang

(D 2015; Gordian Maugg)
Der andere in uns von Wolfgang Nierlin

Much Loved

(F/MA 2015; Nabil Ayouch)
Gesellschaftliche Doppelmoral von Wolfgang Nierlin

Nomaden des Himmels

(KG 2015; Mirlan Abdykalykov)
Das Erbe bewahren von Wolfgang Nierlin

Wild

(D 2014; Nicolette Krebitz)
Eingefangen, ausgewildert von Ulrich Kriest
kinostart: 07.04.2016

Ein Mann namens Ove

(SE 2016; Hannes Holm)
Blockwart mit Orientierungsproblemen von Julia Olbrich

Gestrandet

(D 2016; Lisei Caspers)
Klasse Kämpfe von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
bluray-start: 30.05.2016dvd-start: 30.05.2016

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Spiel mir das Ende vom Lied von Jurek Molnar

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Amerika im Visier von Andreas Busche

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Hang Her High von Harald Steinwender
bluray-start: 20.05.2016dvd-start: 20.05.2016

Louder Than Bombs

(NOR / F / DK 2015; Joachim Trier)
Mit Luhmann im Kino von Ulrich Kriest
bluray-start: 12.05.2016dvd-start: 12.05.2016

Bridge of Spies - Der Unterhändler

(USA 2015; Steven Spielberg)
Blicke zur Brücke von Drehli Robnik
bluray-start: 29.04.2016dvd-start: 29.04.2016

Knock Knock

(USA, CHI 2015; Eli Roth)
Die Lust an der Zerstörung von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 22.04.2016dvd-start: 22.04.2016

Carol

(GB / USA 2015; Todd Haynes)
Schmerzlicher Befreiungsschlag von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 07.04.2016dvd-start: 07.04.2016

Das brandneue Testament

(B/F/LU 2015; Jaco Van Dormael)
Der Gorilla, die Deneuve und Gott von Manfred Riepe

Macbeth

(GB 2015; Justin Kurzel)
Fremdkörper im Bilderrausch von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 07.04.2016

Hördur - Zwischen den Welten

(D 2015; Ekrem Ergün )
Kino auf Psychopharmaka von Ricardo Brunn
bluray-start: 01.04.2016dvd-start: 01.04.2016

Ewige Jugend

(I / F / GB 2015; Paolo Sorrentino)
Sehnsüchtige Statisten im Theater des Lebens von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 24.03.2016dvd-start: 24.03.2016

Mia Madre

(I 2015; Nanni Moretti)
Gefühle kennen keine Dramaturgie von Ilija Matusko
bluray-start: 16.03.2016dvd-start: 16.03.2016

Irrational Man

(USA 2015; Woody Allen)
Bauchgefühl und Schnapsidee von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 11.03.2016dvd-start: 11.03.2016

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein hessischer Held der Pflicht als Nazijäger und Bundes-Moses von Drehli Robnik

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Die Socken sind kariert! von Dietrich Kuhlbrodt

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein großes thematisches Paket von Manfred Riepe

Thief - Der Einzelgänger

(USA 1981; Michael Mann)
Man(n) at Work von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

texte

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

Best of Kinojahr 2015

Die Oscars der Filmgazette

Peter Kern (13.2.1949 - 26.8.2015)

Der kompromisslos-radikale Autorenfilmer war ein aus der Zeit gefallenes Relikt

von Ulrich Kriest

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn