filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Faust

(Russland 2011; Regie: Alexander Sokurow )

Flanierender Hungersmann

foto: © mfa+
Als "Flaneur des Lebens" und als "Hungersmann" charakterisiert Alexander Sokurov den Titelhelden seines frei nach Goethe verfilmten "Faust". Eingangs seines anspielungsreichen, Allgemeingültigkeit beanspruchenden Films, der nach "Moloch", "Taurus" und "Die Sonne" den Abschluss der sogenannten "Tetralogie über die Macht und das Böse" bildet, seziert der Professor (Johannes Zeiler) unter Mithilfe seines Famulus Wagner (Georg Friedrich) und mit ausladenden Gesten eine Leiche, um in den blutigen Eingeweiden nach dem Sitz der Seele zu suchen. Hemdsärmelig, rustikal und schnoddrig geht es dabei zu; und auch ein bisschen geschwätzig, denn Faust hüllt seine Sinn- und Erkenntnissuche in ein permanentes philosophisches Gemurmel. Diese Redundanz hat allerdings Methode: Sie beschreibt einen Forscherdrang, der immer weiter macht, ohne etwas zu begreifen oder gar irgendwo anzukommen. Faust wird einfach nie satt. Also konstatiert er: "Alles wie immer."

"Am Anfang war das Wort", wiederholt Faust immer wieder den ersten Vers des Johannes-Evangeliums, ohne seinen Sinn zu verstehen; bis ein gewisser Mauricius alias Mephisto (Anton Adassinsky), ein undurchsichtiger Wucherer von unförmiger Gestalt, etwas linkisch auf der Szene erscheint und seine Theorie des Ursprungs formuliert: "Am Anfang war die Tat." Also schleppt der dunkle Nihilist und selbsterklärte Übermensch den verwirrten Gelehrten durch die engen Gassen einer verwinkelten, sepia getönten Stadt, in der es burlesk und wüst zugeht. Sie landen unter lauter Frauen im Badehaus, wo Faust mit geilen Blicken die junge schöne Margarete (Isolda Dychauk) und Mauricius seinen entstellten Körper enthüllt; im Auerbachschen Keller geraten sie in ein wildes Trinkgelage und in einen bizarren Streit, an dessen Ende Faust schuldig wird am Tod von Margaretes Bruder. Und so wird eine Beerdigung zum blasphemischen Ausgangspunkt einer (sexuellen) Verführung, die männliches Machtstreben widerspiegelt.

Ziemlich innerweltlich ernüchtert sich für selige Augenblicke Fausts Suche nach Transzendenz auf dem Boden körperlicher Tatsachen. Dass er dafür seine Seele verkauft und den teuflischen Kontrakt mit seinem Blut zeichnet, ist nur ein weiteres ironisches Detail dieser schweifenden Suchbewegung, die an kein Ziel findet. Sokurov filmt die Atemzüge dieses merkwürdigen Schwankens mit der Steadicam, lässt die fast farblosen Bilder ins Halluzinatorische verschwimmen und erzeugt eine eigenwillig fremde Atmosphäre voll grotesker Verzerrungen und Symbole. Die Wissenschaft sei nur ein Mittel, die Leere auszufüllen und alles Vergängliche nur Gestank, sagt einmal der große Verneiner Mauricius. Am Ende entledigt sich ein entfesselter Heinrich Faust seines allzu menschlichen Förderers (beziehungsweise das Geschöpf seines Schöpfers), um sich einer zweifelhaften Freiheit gegenüber zu sehen, die als weites, kaltes Geröllfeld vor ihm liegt und sinnlose Wanderschaft verheißt.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (6/10)


Faust
OT: Faust
Russland 2011 - 134 min.
Regie: Alexander Sokurow - Drehbuch: Aleksandr Sokurov - Produktion: Andrey Sigle - Kamera: Bruno Delbonnel - Schnitt: Jörg Hauschild - Musik: Alexander Zlamal - Verleih: MFA+ - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Johannes Zeiler, Anton Adassinsky, Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Hanna Schygulla, Antje Lewald, Florian Brückner
Kinostart (D): 19.01.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1437357/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/faust/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22288/FAUST/Kritik/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 26.02.2015

Als wir träumten

(D 2015; Andreas Dresen)
Ekstasen der Jugend von Wolfgang Nierlin

American Sniper

(USA 2014; Clint Eastwood)
Bring The War Home! von Ulrich Kriest
kinostart: 19.02.2015

Altman

(KAN 2014; Ron Mann)
Meister der Ambivalenz von Ulrich Kriest

Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes

(GB / USA 2015; Tom Harper)
Gewissensgeister und Moormütter von Drehli Robnik

Von Menschen und Pferden

(IS / D 2013; Benedikt Erlingsson)
Zaumzeug und Liebesdinge von Carsten Moll
kinostart: 12.02.2015

Inherent Vice - Natürliche Mängel

(USA 2014; Paul Thomas Anderson)
California Über Alles! von Ulrich Kriest

Manolo und das Buch des Lebens

(USA 2014; Jorge Gutierrez)
Der schwere Fehler der komischen Entlastung von Carsten Moll
kinostart: 05.02.2015

Foxcatcher

(USA 2014; Bennett Miller)
Erfolgreiche Verlierer von Nicolai Bühnemann

The Interview

(USA 2014; Evan Goldberg, Seth Rogen)
Analität des Bösen von Marit Hofmann
kinostart: 29.01.2015

Birdman oder (Die unverhoffte Art der Ahnungslosigkeit)

(USA 2014; Alejandro González Iñárritu)
Highbrow meets Lowbrow von Tim Lindemann

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

(USA 2014; Alejandro González Iñárritu)
Reale Schwerelosigkeit von Wolfgang Nierlin
kinostart: 22.01.2015

Fräulein Julie

(N/IR/GB/F 2014; Liv Ullmann)
Wie Schaum auf dem Wasser von Wolfgang Nierlin

Missverstanden

(I / F 2014; Asia Argento)
Kunterbunte Katastrophen von Tim Lindemann

Missverstanden

(I / F 2014; Asia Argento)
Ein dysfunktionaler Familienroman von Nicolai Bühnemann

Remedy

(USA 2013; Cheyenne Picardo)
Top, ziemlich weit unten von Carsten Moll

The Imitation Game

(GB / USA 2014; Morten Tyldum)
Kein Knopp von Dietrich Kuhlbrodt

The Imitation Game

(GB / USA 2014; Morten Tyldum)
Wettlauf gegen die Zeit von Wolfgang Nierlin

Wir sind jung. Wir sind stark.

(D 2014; Burhan Qurbani)
Einwandfrei verkuckt von Dietrich Kuhlbrodt

Wir sind jung. Wir sind stark.

(D 2014; Burhan Qurbani)
Brennende Langeweile von Ulrich Kriest
kinostart: 15.01.2015

Amour fou

(AT 2014; Jessica Hausner)
Wie Puppen in einem Marionettentheater von Wolfgang Nierlin

Streif - One Hell of a Ride

(AT 2014; Gerald Salmina)
Kulissen hinter Kulissen von Lukas Schmutzer

The Gambler

(USA 2014; Rupert Wyatt)
Das Glück als Glückssache von Nicolai Bühnemann

Top Girl oder la déformation professionnelle

(D 2014; Tatjana Turanskyj)
Zur Ökonomisierung des Intimen von Ulrich Kriest
kinostart: 08.01.2015

Die süße Gier

(I / F 2013; Paolo Virzì)
Das Leben ist hochspekulativ von Jürgen Kiontke

Ich will mich nicht künstlich aufregen

(D 2014; Max Linz)
Finanzierungsprobleme und theoretischer Überhang von Nicolai Bühnemann

Wild Tales

(AR / ES 2014; Damián Szifrón)
Von Mücken und Elefanten von Wolfgang Nierlin

Wild Tales

(AR / ES 2014; Damián Szifrón)
Zivilisation und Barbarei von Sven Pötting
auf dvd:aktuelldemnächst

bücher

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

Christian Keßler: Wurmparade auf dem Zombiehof

Er mag Müll

von Sven Jachmann

Alain Badiou: Kino. Gesammelte Schriften zum Film

Ein Kind der Film-Clubs und eine Waise der Idee der Revolution

von Ulrich Kriest

interviews

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

"Alle sind wunderschön angezogen"

Man muss kein Theaterfreund sein, um am Theater keinen Reinfall zu erleben - ein Gespräch mit Wenzel Storch

von Sven Jachmann

"Ich glaube fundamental an genau gestellte Fragen. Sie sind die eigentliche, tiefe Bedeutung des Erzählens, ja, von Kunst überhaupt."

Ein Gespräch mit Götz Spielmann aus Anlass seines neuen Films "Oktober November"

von Ulrich Kriest

texte

6 x Robert Altman

Ein Dossier anlässlich seines 90. Geburtstags

Die besten Filme von 2014

And the Winners are ...

Triumph für Peter Kern

Widerspenstig, radikal, unerhört

von Nicolai Bühnemann

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn