filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Barbara

(Deutschland 2012; Regie: Christian Petzold)

Hoss is the Boss

foto: © piffl
Wo Nina Hoss draufsteht, da ist auch Nina Hoss drin. Und das gilt auch für beinahe jeden Film von Christian Petzold, auch da ist Nina Hoss drin. Und jetzt ist Nina Hoss Barbara und Barbara ist Nina Hoss. Ein Film, in dem Nina Hoss nicht verstockt auf dem Beifahrersitz eines Autos sitzt, ist quasi kein Film von Christian Petzold. Ob der Mann am Steuer dann Benno Fürmann ist oder wie in "Barbara" Ronald Zehrfeld, ist quasi zweitrangig. In jedem Fall ist er in Nina Hoss verknallt und Nina Hoss ist die Spröde mit der verbiesterten Unterlippe bis ins Fratzenhafte hinein. Es vergeht auch kaum ein Film, in dem Nina Hoss nicht als "schöne" Frau bezeichnet wird, jedenfalls wird sie immer so eingesetzt, als wäre sie eine, und daher verlieben sich stets ihre Co-Darsteller in sie.

Auch in "Barbara" ist das so. Diesmal ist die latent beleidigte Nina Hoss in die Vergangenheit einer gelblich-ranzigen DDR versetzt - ein Platz, an dem sie mit Recht mucksch sein kann - , genauer gesagt strafversetzt, im Film und als Ärztin von der Charité Berlin in ein randständiges Kaff-Krankenhaus, das mit gefühlten 4 Ärzten gefühlte 9 Patienten zu versorgen hat, aufgrund ihres Ausreiseantrages. Diese Ranzigkeit der DDR-Verhältnisse (verkokelte Steckdosen, bröckelnde Hausfassaden) ist es wohl, meint man zunächst, die Nina Hoss zu ihrem Ausreiseantrag veranlasst haben, ein Begehr, das von behördlicher Seite in der DDR häufig nicht nur abschlägig beantwortet wurde, sondern das auch im Fall von Nina Hoss zusätzlich empfindliche Repressalien zur Folge hat, wie eine unverhohlene Dauerüberwachung und regelmäßige Wohnungs- und Leibesvisitationen. Damit nicht genug, scheint auch noch der leider grundsymphatische und gutaussehende und kräftige Oberarzt des Kleinstkrankenhauses auf sie angesetzt zu sein, oder wie soll sie sich erklären, dass er sie schon nach dem ersten Arbeitstag in seinem Auto (die Nina-Hoss-Kernszene) nachhause fahren will? Gibt es denn auch in der DDR noch so etwas wie Liebe? Muss ja wohl, wenn dieses ein Christian-Petzold-und-Nina-Hoss-Film ist, in welchem sich immer mindestens ein Mann in selbige verknallt. Und wie es ein Petzold-Hoss-Film will: einen anderen Verknallten gibt es nämlich auch schon. Noch bevor wir Zuschauer dazu kamen, hat sie mit jenem anderen, einem gutaussehenden und etwas halbseidenen Wessie (so eine Art sektschlürfender RTL-Bachelor) schon ein Liebesverhältnis gehabt, und sie hat es immer noch; so scharf ist man aufeinander, dass er extra aus dem Westen mit Mercedes und Chauffeur zum Waldrand angeritten kommt, um ihr, der nun wilden Nina Hoss, die Klamotten vom Leib zu reißen und sie auf dem weichen Moos der Waldleidenschaft zu nehmen. Observationsgefahr und übrigens auch gefährdete konkrete Fluchtpläne ("Wenn du bei mir bist, kannst du immer ausschlafen, ich habe genug Geld") müssen da mal zugunsten der Leidenschaft ignoriert werden.

Dass "Barbara" ein klassisch gebautes Drama ist, zeichnet sich also schon hier ab, und, so viel sei versprochen, es bleibt klassisch und es wird immer klassischer: Eine (wie wir nun wissen) leidenschaftliche Frau zwischen zwei gutaussehenden Männern, und auch zwischen den beiden Gesellschaftssystemen, für die sie stehen. Arm, idealistisch und ein wenig gebeugt von den Verhältnissen der eine, gutaussehend, potent nach Augenschein und Brieftasche und etwas schnöselig der andere. Für wen oder was wird sich Barbara entscheiden? Problem und Herz oder Geld und Oberfläche? Ich nenne Nina Hoss hier bewusst bei ihrem Filmvornamen, weil diesem Wort, diesem Klang "Barbara" im Film explizite Bedeutung zukommt; so spricht es der eine Mann eher mit Begierde, der andere eher mit Liebe aus und die Dritte, ein ihr anvertrauter schwangerer Teenager, welche gerade Gefahr läuft, von DDR-Erziehungsmaßnahmen kaputtgemacht zu werden, ruft ihren Namen laut und in Verzweiflung.

Für wen oder was wird sich Nina "Barbara" Hoss also entscheiden? Das herauszufinden überlässt der Kritiker gerne dem Publikum, nicht ohne dieses spannende, wohl eines der spannendsten Nina-Hoss-Vehikel, zu empfehlen und nicht ohne darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass eventuelle Ähnlichkeiten mit Christine-Neubauer-Vehikeln oder mit Schwarzwaldklinik-Plots, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, hier nicht ganz zufällig sind. Sagen wir es mal so: Christian Petzold bringt ein wenig mehr Übersicht in die komplizierten Verhältnisse unserer Gegenwart und er verhilft auch dem Intellektuellen einmal dazu, etwa den Foucault zur Seite legen zu können und seinen ruhelos fragenden Gedanken einmal eine Pause zu gönnen, ohne dabei sein doch hohes Niveau verlassen zu müssen.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Andreas Thomas

Benotung des Films: (6/10)


Barbara
OT: Barbara
Deutschland 2012 - 105 min.
Regie: Christian Petzold - Drehbuch: Christian Petzold - Produktion: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber - Kamera: Hans Fromm - Schnitt: Bettina Böhler - Musik: Stefan Will - Verleih: Piffl - FSK: 6 Jahre - Besetzung: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Jasna Fritzi Bauer, Marc Waschke, Rainer Bock
Kinostart (D): 08.03.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2178941/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/barbara/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22467/BARBARA/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 16.05.2013

Evil Dead

(USA 2013; Fede Alvarez)
Fünf Seelen bis zur Wiedergeburt von Harald Steinwender

Love Alien

(D / HR / ES / AT 2012; Wolfram Huke)
Geschlossene Gesellschaft von Marit Hofmann

MansFeld

(D 2013; Mario Schneider)
Frühlingsopfer von Andreas Thomas

Paradies: Hoffnung

(AT / F / D 2012; Ulrich Seidl)
Im Straflager von Wolfgang Nierlin

Paradies: Hoffnung

(AT / F / D 2013; Ulrich Seidl)
Teenage Fanclub von Marit Hofmann

Paradies: Hoffnung

(AT / F / D 2013; Ulrich Seidl)
Welpenschutz unter der Käseglocke von Sven Jachmann
kinostart: 09.05.2013

Stoker

(USA / GB 2012; Park Chan-Wook)
Gefangen im Drehbuch von Andreas Busche
kinostart: 02.05.2013

Charlies Welt - Wirklich nichts ist wirklich

(USA 2012; Roman Coppola)
Film als reines Privatvergnügen von Ulrich Kriest

Der Tag wird kommen

(F / B 2012; Gustave Kervern, Benoît Delépine)
NOT und DEAD bauen Scheiß von Dietrich Kuhlbrodt

Der Tag wird kommen

(F / B 2012; Gustave Kervern, Benoît Delépine)
Sich selbst revolutionieren von Wolfgang Nierlin

I, Anna

(D / GB 2012; Barnaby Southcombe)
Hervorbrechender Schmerz von Wolfgang Nierlin

Iron Man 3

(USA / CN 2013; Shane Black)
Wer bin ich und wenn ja, wie viele? von Louis Vazquez
kinostart: 25.04.2013

The Broken Circle

(B / NL 2012; Felix van Groeningen)
Bluegrass in Belgien von Carsten Happe
kinostart: 18.04.2013

Eine Dame in Paris

(F / EST / B 2012; Ilmar Raag)
Subtile Einsamkeit von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.04.2013

Das Wochenende

(D 2012; Nina Grosse)
Familienaufstellung von Dietrich Kuhlbrodt

Georg Baselitz

(D 2013; Evelyn Schels)
Disharmonisch an die Weltspitze von Andreas Thomas

Ginger & Rosa

(GB / DK / KRO / KAN 2012; Sally Potter)
How I Learned To Worry And To Hate The Bomb von Ulrich Kriest

Mademoiselle Populaire

(F 2012; Régis Roinsard)
Richtige Frauen und richtige Männer von Wolfgang Nierlin

Oblivion

(USA 2013; Joseph Kosinski )
Das Design ist die Botschaft von Ricardo Brunn
kinostart: 04.04.2013

Dead Man Down

(USA 2013; Niels Arden Oplev)
Leiche im Eisschrank von Gregor Torinus
kinostart: 28.03.2013

Die Jagd

(DK 2012; Thomas Vinterberg)
Vom Rufmord bis zur Selbstjustiz von Carsten Happe
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd-start: 17.05.2013

Killing Them Softly

(USA 2012; Andrew Dominik)
Down and Out, Low and Dirty von Harald Steinwender
dvd-start: 16.05.2013

Die Wand

(AT / D 2011; Julian Roman Pölsler)
Freiheitsberaubung von Carsten Happe

Die Wand

(AT / D 2011; Julian Roman Pölsler)
Von der Sorge leben von Wolfgang Nierlin

Red Dawn

(USA 2012; Dan Bradley)
Nichts Neues an der Heimatfront! von Ulrich Kriest
dvd-start: 10.05.2013

Searching for Sugar Man

(S / GB 2012; Malik Bendjelloul)
Lebende Legende von Andreas Busche

Winterdieb

(CH / F 2012; Ursula Meier)
Zahlungsmittel Geld von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 03.05.2013

Blank City

(USA 2010; Céline Danhier)
Live fast, film fast! von Andreas Thomas
dvd-start: 26.04.2013

Gnade

(D / NR 2012; Matthias Glasner)
Geteiltes Seelenleid von Wolfgang Nierlin

Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

(D 2012; Florian Opitz)
Verdammte Raserei von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 19.04.2013

Bombay Beach

(USA 2011; Alma Har‘el)
Traumkulissen von Carsten Happe

Bombay Beach

(USA 2011; Alma Har‘el)
Monument des Scheiterns von Andreas Busche

Der Hobbit - Eine unerwartete Reise

(USA 2012; Peter Jackson)
Pornografische Brillanz von Ricardo Brunn

Meine Schwester

(F / I 2001; Catherine Breillat)
Das Ende der Unschuld von Wolfgang Nierlin

Now Is Good - Jeder Moment zählt

(GB 2012; Ol Parker)
Metastasen-Kino von Carsten Moll

Romance 2 - Anatomie einer Frau

(F 2004; Catherine Breillat)
Weiblicher Selbsthass von Wolfgang Nierlin

Sex Is Comedy

(F / PT 2002; Catherine Breillat)
Wahrheit der Körper von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 18.04.2013

Silent Hill: Revelation 3D

(F / USA / CAN 2012; Michael J. Bassett)
Revelation, Retribution! Extinction, Apocalypse! von Louis Vazquez
dvd-start: 11.04.2013

Anna Karenina

(GB / F 2012; Joe Wright)
Ironische Operette von Wolfgang Nierlin

End of Watch

(USA 2012; David Ayer)
Labyrinth des Verbrechens von Michael Schleeh
dvd-start: 05.04.2013

3 Zimmer/Küche/Bad

(D 2012; Dietrich Brüggemann)
Zertrümmerte Botschaften von Wolfgang Nierlin

Holy Motors

(F / D 2012; Leos Carax)
Tod und Vergänglichkeit von Andreas Busche

Holy Motors

(F / D 2012; Leos Carax)
Der Verwandlungskünstler von Wolfgang Nierlin

bücher

Jan Distelmeyer - Das flexible Kino. Ästhetik und Dispositiv der DVD und Blu-ray

Was man alles nicht darf

von Sven Jachmann

Ulrich Kriest (Hg.) - Formen der Liebe. Die Filme von Rudolf Thome

Forschungsreisen ins Unbekannte

von Wolfgang Nierlin

Klaus Kreimeier: Traum und Exzess - Die Kulturgeschichte des frühen Kinos

Das Summen der Maschine

von Andreas Thomas

interviews

"Ich würde von einem magischen Realismus sprechen"

Ein Gespräch mit Oskar Roehler

von Ulrich Kriest

"Man muss das Erbe aufheben und mit ihm weiterleben"

Ein Gespräch mit Jeanine Meerapfel anlässlich ihres Films "Der deutsche Freund"

von Wolfgang Nierlin

"Die Perspektive will nicht bloß ein weiteres Schaufenster sein!"

Ein Gespräch mit Linda Söffker, Leiterin der Berlinale-Sektion "Perspektive Deutsches Kino"

von Ricardo Brunn

texte

"Ich bin der absolute Mittelpunkt"

Werner Herzog erhält den Deutschen Filmpreis

von Alexander Lohninger

Die besten Filme von 2012

And the Winners are ...

Kopfkino: Die Aura der Dinge

von Klaus Kreimeier

festival

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn

Berlinale 2013 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

19. Internationales Filmfest Oldenburg 2012

Produktionsstandort Wohnzimmer

von Carsten Happe
(Werbung:)
Ailton auf Özil. Götze auf Okocha. Kahn gegen die Eckfahne. So hast du 50 Jahre Bundesliga noch nie gesehen!