filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Miral

(Frankreich / Israel / Italien / Indien 2010; Regie: Julian Schnabel)

… bis die Zionisten kamen

foto: © prokino
Am Anfang von Julian Schnabels "Miral" steht das Idyll: In einem Palästina, von dem der Zuschauer glauben soll, dass es noch nicht identisch ist mit der Topographie des "Nahostkonflikts", feiern Christen, Juden und Muslime ein Weihnachtsfest, das alles kulturell-religiös Trennende verwischen möchte. Um den Weihnachtsbaum tanzt man ausgelassen zu arabischer Musik und die Hausherrin, dargestellt von Vanessa Redgrave als  Repräsentantin eines kosmopolitisch-postideologischen Großbürgertums am Rande seines Verschwindens, begrüßt ihre Freunde aller Herkunft und Religion.    

Doch dann lässt Schnabel die Zionisten über die vermeintlich paradiesischen Zustände herfallen: Archivbilder von der Gründungserklärung Israels werden gezeigt, Schiffe legen in Palästina an, Menschen strömen von Bord, die Stimme David Ben Gurions schallt im Hintergrund. Das Schwarzweiß des Einspielers will Authentizität suggerieren und stellt sich gleichzeitig in den schärfstmöglichen Kontrast zur rosig-sonnendurchfluteten Ästhetik der heiteren Einleitung. Es sagt: Hier kommen die Zionisten aus dem Grau-in-Grau der Realgeschichte und vor ihnen flieht alles Licht der Utopie. Oder: Der Spielfilm flieht die Archivbilder und schuld an allem sind die Zionisten.

Mag die gedankliche Schlichtheit dieser Einleitung auch noch so peinlich, ihre Form auch noch so billig sein, Schnabels anschließender Versuch, seinen Spielfilm quasi "zurückschlagen" zu lassen, übertrifft sie regelrecht: Basierend auf einem Roman Rula Jebreals, der Lebensgefährtin des Regisseurs, nimmt "Miral" die Perspektiven vierer palästinensischer Frauen ein, die sich auf unterschiedliche (und unterschiedlich aggressive) Art gegen die Unterdrückung stemmen, mit der wie eine Heilige porträtierten Kinderheimleiterin Hind Husseini und der Terroristin Fatima als vielleicht extremste Pole. Irgendwo dazwischen stehen Nadia, die als junges Mädchen vor der häuslichen Gewalt flieht, und schließlich die Titelheldin, Miral, Nadias Tochter: Nach dem Tod ihrer Mutter gibt ihr tiefreligiöser Vater sie in das Kinderheim Husseinis, wo sie eine umfassende Schulbildung erhält, welche sie anschließend als Lehrerin auf dem Höhepunkt der Ersten Intifada in die Krisengebiete bringen wird. Hier erlebt sie das brutale Durchgreifen der israelischen Streitkräfte und verliebt sich - natürlich - auf verhängnisvolle Weise in einen jungen militanten Freiheitskämpfer.

Über all dem weht für Julian Schnabel auf ostentativste Art das große Banner eines Friedensappells: Jenen will er den Film widmen, heißt es im Abspann, die unerschütterlich an eine friedliche Lösung des Konflikts glauben. Wer "Miral" mit offenen Augen anschaut, wird sich die nämlichen ob des zuvor Gezeigten spätestens hier verwundert reiben. Denn die größte Rache, die der Spielfilm an den Archivbildern des Anfangs letztlich nimmt, ist, dass er Israel offenkundig in diesem tristen Geschichtsgrau vergessen möchte: Israel findet in "Miral" schlichtweg nicht statt. Hier zeigt sich nur das Leiden des palästinensischen Volkes, dem irgendwo außerhalb der Ränder des Filmbildes ein übermächtiger Feind gegenübersteht, der zwar ab und an mit Panzern wirkmächtig durchs Bild rollt und von bornierten Holzköpfen in Uniform repräsentiert wird, dem darüber hinaus jedoch beinahe jedes Menschenantlitz verwehrt bleibt.    

Auf unangenehme Weise zeigt sich Schnabels utopistischer Feldzug gegen die Wirklichkeit auch in dem puren Kitsch, der seinen Film durchzieht. Der palästinensische Widerstand ist hier ein Fest der leuchtendsten Farben, in dem bildschöne junge Menschen untereinander fast ausschließlich in makellosem Englisch kommunizieren und ein weiblicher Bollywood-Star der Intifada ein Gesicht mit gezupften Augenbrauen schenkt. So geschmacklos und von Herzen schlecht ist das, dass man beinahe an der Ernsthaftigkeit des ganzen Unterfangens zweifeln möchte - aber natürlich ist das alles sehr aufrichtig gemeint. Ein Film wie dieser mag sowohl das reale Israel, das kein Schwarzweißfilm ist, ignorieren, als auch die Beschaffenheit des Konflikts im Nahen Osten auf Freiheitskämpferromantik im Taschenbuchformat eindämpfen können. Die Geschichte kann es zum Glück nicht.

Janis El-Bira

Benotung des Films: (2/10)


Miral
OT: Miral
Frankreich / Israel / Italien / Indien 2010 - 112 min.
Regie: Julian Schnabel - Drehbuch: Rula Jebreal - Produktion: Jon Kilik - Kamera: Eric Gautier - Schnitt: Juliette Welfling - Musik: Julian Schnabel - Verleih: Prokino - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Hiam Abbass, Freida Pinto, Yasmine Al Masri, Ruba Blal, Alexander Siddig, Omar Metwally, William Dafoe, Vanessa Redgrave, Stella Schnabel
Kinostart (D): 18.11.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1366409/
Pressespiegel auf filmz.de: http://filmz.de/film_2010/miral/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21373/MIRAL/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 2

Srinivasa Aiyangar schrieb am 27.7.2015 um 9:51 Uhr :

Die Kritik ist nicht intelligent, sondern hochgradig narzisstisch. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie sich der seinerzeit 24-jährige Autor an seinen eigenen sarkastischen Formulierungen berauscht ("Broderlein-Syndrom"). Vielleicht auch eine Frage des Alters.

Diplomatic schrieb am 27.7.2015 um 1:13 Uhr :

Danke! Die erste intelligente und sinnvolle Filmkritik dazu.





Einträge: 2   Seite: 1 (von 1)
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
kinostart: 23.06.2016

The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte

(GR/GB/NL 2015; Yorgos Lanthimos)
Animal Love von Marit Hofmann
kinostart: 09.06.2016

Hannas schlafende Hunde

(D/AT 2016; Andreas Gruber)
Ja zur sentimentoaffinen Rezeption von Dietrich Kuhlbrodt

Sky - Der Himmel in mir

(F/D 2015; Fabienne Berthaud)
Weiblicher Selbstfindungstrip von Wolfgang Nierlin
kinostart: 02.06.2016

Green Room

(USA 2015; Jeremy Saulnier)
Small Film, Big Thrills, and a Major Threat at the Door von Drehli Robnik
kinostart: 26.05.2016

Der Nachtmahr

(D 2015; Akiz)
Laut und luizid: Sieh dich im Ding (und lass die Ohren klingen) von Drehli Robnik

Der Nachtmahr

(D 2015; AKIZ)
Das andere Ich von Wolfgang Nierlin

Der Nachtmahr

(D 2015; Akiz (Achim Bornhak))
Von Gnomen und Kugelmenschen von Nicolai Bühnemann

Sonita

(D/IR/CH 2015; Rokhsareh Ghaemmaghami)
Filmen ohne Distanz von Marit Hofmann

The Whispering Star

(J 2015; Sion Sono)
Die Paketbotin aus der Ewigkeit von Manfred Riepe
kinostart: 19.05.2016

Nur Fliegen ist schöner

(FR 2015; Bruno Podalydès)
Trockenübungen mit Wasser von Wolfgang Nierlin

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik

X-Men: Apocalypse

(USA 2016; Bryan Singer)
Der Fluch des dritten Teils von Nicolai Bühnemann
kinostart: 12.05.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
kinostart: 05.05.2016

A Bigger Splash

(IT / FR 2015; Luca Guadagnino)
Schatten im Paradies von Wolfgang Nierlin

A Bigger Splash

(I/F 2015; Luca Guadagnino)
Feuchte Entladungen auf trockener Insel von Ricardo Brunn

Remake, Remix, Rip-Off

(D / TR 2014; Cem Kaya)
Der große Verhau von Ulrich Kriest
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
bluray-start: 23.06.2016

Rabid Dogs

(I 1974; Mario Bava)
In der Hölle der gedemütigten Frauen von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 03.06.2016dvd-start: 03.06.2016

Shaandaar - Schlaflos verliebt

(IN 2015; Vikas Bahl)
Liebeswirren im Prinzregentensaal von Michael Schleeh
bluray-start: 02.06.2016dvd-start: 02.06.2016

Remember - Vergiss nicht, Dich zu erinnern

(CA / D 2015; Atom Egoyan)
Vielen Dank für das Rezeptionsabenteuer von Dietrich Kuhlbrodt

Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern

(CA / D 2015; Atom Egoyan)
Der Holocaust-Terminator von Manfred Riepe

The Big Short

(USA 2015; Adam McKay)
Einstürzende Elfenbeintürme von Manfred Riepe

The Big Short

(USA 2015; Adam McKay)
Hier platzt gleich die Blase von Ulrich Kriest
bluray-start: 30.05.2016dvd-start: 30.05.2016

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Spiel mir das Ende vom Lied von Jurek Molnar

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Amerika im Visier von Andreas Busche

The Hateful Eight

(USA 2015; Quentin Tarantino)
Hang Her High von Harald Steinwender
bluray-start: 20.05.2016dvd-start: 20.05.2016

Louder Than Bombs

(NOR / F / DK 2015; Joachim Trier)
Mit Luhmann im Kino von Ulrich Kriest
bluray-start: 12.05.2016dvd-start: 12.05.2016

Bridge of Spies - Der Unterhändler

(USA 2015; Steven Spielberg)
Blicke zur Brücke von Drehli Robnik
bluray-start: 29.04.2016dvd-start: 29.04.2016

Knock Knock

(USA, CHI 2015; Eli Roth)
Die Lust an der Zerstörung von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 28.04.2016

The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte

(GR/GB/NL 2015; Yorgos Lanthimos)
Animal Love von Marit Hofmann
bluray-start: 22.04.2016dvd-start: 22.04.2016

Carol

(GB / USA 2015; Todd Haynes)
Schmerzlicher Befreiungsschlag von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 07.04.2016dvd-start: 07.04.2016

Das brandneue Testament

(B/F/LU 2015; Jaco Van Dormael)
Der Gorilla, die Deneuve und Gott von Manfred Riepe

Macbeth

(GB 2015; Justin Kurzel)
Fremdkörper im Bilderrausch von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 07.04.2016

Hördur - Zwischen den Welten

(D 2015; Ekrem Ergün )
Kino auf Psychopharmaka von Ricardo Brunn
bluray-start: 01.04.2016dvd-start: 01.04.2016

Ewige Jugend

(I / F / GB 2015; Paolo Sorrentino)
Sehnsüchtige Statisten im Theater des Lebens von Wolfgang Nierlin

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

texte

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

Best of Kinojahr 2015

Die Oscars der Filmgazette

Peter Kern (13.2.1949 - 26.8.2015)

Der kompromisslos-radikale Autorenfilmer war ein aus der Zeit gefallenes Relikt

von Ulrich Kriest

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn