filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Ich sehe den Mann deiner Träume

(USA / Spanien 2010; Regie: Woody Allen)

Das Universum expandiert immer noch

foto: © concorde
In vielen Filmen von Woody Allen machen die Protagonisten aus ihrer Abneigung gegen Rockmusik keinen Hehl, wohl durchaus stellvertretend für den Filmemacher selbst. Ein bisschen ironisch ist das schon, hat Allens Werk doch ziemlich viel gemein mit beispielsweise dem der New Yorker Punkrock-Band The Ramones. So wie die Punkrocker ihre drei oder vier Akkorde fleißig neu sortierten, um unzählige zweiminütige Songs in die Welt zu schicken, so reorganisiert auch Allen seit geraumer Zeit immer wieder ähnliche Motive und Figurenkonstellationen und behandelt altbekannte Themen, je nach Auslegung obsessiv, routiniert oder gelangweilt. Weil er seit inzwischen mehr als vier Jahrzehnten schreibt und Regie führt und im Jahrestakt Filme dreht, lassen die wiederkehrenden Elemente jeden neuen Film wie einen alten Freund erscheinen, der einmal im Jahr auf ein paar Büchsen Bier oder, hier passender, eine Flasche Wein vorbeischaut. Wenn man Allens repetitivem Schaffen wohlgesonnen ist, freut man sich über den Besuch, obwohl freilich nicht jeder einen perfekten Abend bedeutet. Manche Abende zehren etwas zu bemüht von der Vergangenheit, und man hätte sich vielleicht eine längere Pause gewünscht, um sich wieder mehr zu sagen zu haben. Andere dagegen lassen fast völlig vergessen, wie wenig Zeit vergangen ist und erinnern an das erste Kennenlernen.

"Ich sehe den Mann deiner Träume" jedenfalls, der an Allens 75. Geburtstag in die deutschen Kinos kommt, ist mal wieder ziemlich gut geworden und weckt Erinnerungen an seinen großen Ensemblefilm "Hannah und ihre Schwestern". Es geht natürlich um Beziehungen und die dazugehörigen Trennungen, um Torschlusspanik und das verzweifelte Streben nach dem Glück oder zumindest dem, was danach aussieht, weil das Gras auf der anderen Seite des Flusses immer so viel grüner zu sein scheint. Etwas aber muss passieren, weil der Zug irgendwann endgültig abgefahren ist und dann jener "tall, dark stranger" kommt, von dem im Originaltitel die Rede ist und dem jeder Mensch eines Tages begegnen muss. Alfie, der sein Älterwerden nicht wahrhaben will, hat sich wegen eines jungen Callgirls nach 40 Jahren Ehe von Helena getrennt. Die ist mit den Nerven am Ende und nach einem gescheiterten Selbstmordversuch auf die Prophezeiungen einer Wahrsagerin angewiesen, um ihr Leben halbwegs in den Griff zu bekommen. Ihre Tochter Sally glaubt zwar nicht an Weissagungen, unterstützt die Mutter aber, denn sie weiß, wie gut ihr die esoterischen Sitzungen tun. Sally selbst hat Probleme mit ihrem Mann Roy, einem Schriftsteller, der seit einem ersten Achtungserfolg nichts mehr zustande bringt. Unzufrieden mit der Gesamtsituation verguckt sich Roy prompt in die schöne Nachbarin und spinnt einen kühnen Betrugsplan, während seine Frau Gefühle für ihren verheirateten Chef entwickelt.

Woody Allens neuer Film präsentiert das Ernste und das Komische mit jener Leichtigkeit, die seine besten Filme auszeichnete und die der Regisseur mit "Vicky Cristina Barcelona" wieder gefunden zu haben scheint. Obwohl vor fünf Jahren ausgerechnet "Match Point" nach einer längeren Durststrecke wieder ein Erfolg bei Kritik und Publikum war - eine Quasi-Neuauflage des ungleich vielschichtigeren "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" aus dem Jahr 1989 -, funktionierten Allens Krimi- und Thrillerplots mit Ausnahme von "Verbrechen ..." selten wirklich gut, weil sie im Vergleich zu anderen Genrestücken zu reißbrettartig waren - siehe etwa "Scoop" oder "Cassandras Traum". Allens neuer existenzialistischer Tragikomödie dagegen, in der es nicht um Mord und Totschlag, sondern um eher alltägliche Sinnkrisen geht, gelingt auf herausragende Weise die Balance zwischen Überzeichnung und Figurentiefe. Wie Allens Charaktere sich verrennen, um jemanden zu beeindrucken und / oder ihre Selbstachtung wiederzuerlangen, das ist einerseits äußerst amüsant, andererseits aber auch todtraurig. Dass beides funktioniert, ist einer selbst für Woody-Allen-Verhältnisse herausragenden Schauspielerriege zu verdanken, wobei eher unbekannte Entdeckungen wie Lucy Punch und Newcomer wie Freida Pinto sich keineswegs hinter etablierten Stars wie Naomi Watts, Anthony Hopkins oder Josh Brolin verstecken müssen.

Nur damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: Versöhnliches kann man von Woody Allen wohl nicht mehr erwarten, und "Ich sehe den Mann deiner Träume" ist sicherlich kein Feel-Good-Movie geworden. Das Leben ist einfach ein zu böser Witz, und der Drehbuchautor Allen, das lässt er sich nicht nehmen, muss ihn besonders perfide erzählen. Ein wenig erinnert er dabei an die Coens, die in "A Serious Man" mit biestiger Freude und ohne Gnade einen Protagonisten vorführten, dem sein Leben völlig entgleitet. Erfolg und Glück sind nicht unbedingt gerecht verteilt, wie schon Boris Gruschenko in "Die letzte Nacht des Boris Gruschenko" (1975) erfahren musste. Und vielleicht, so legt Allen nah, werden in diesem rein zufälligen Chaos ja auch nur die Verblendeten wirklich glücklich, die eben nicht alles hinterfragen müssen.

An dieser Stelle könnte eine protestierende Stimme sich erheben: Das sei nun aber doch wirklich nichts Neues, alles schon mal da gewesen und ein Beweis für fehlende Inspiration. Und ob ein rahmendes Shakespeare-Zitat auf die Bedeutungslosigkeit der Existenz hinweist oder ein kleiner Junge Angst vor einem expandierenden Universum hat, das mache doch wohl keinen großen Unterschied. Macht es aber. Denn wenn man ein Ramones-Album hört, ist man selten enttäuscht darüber, dass es keine Streichinstrumente gibt, selbst wenn es ein spätes Album ist. Und noch immer ist es unglaublich schade, dass die Ramones keine neuen Songs mehr veröffentlichen, auch wenn sie angeblich nie wieder so gut waren wie am Anfang. Was man übrigens jederzeit bestreiten könnte.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Louis Vazquez

Benotung des Films: (8/10)


Ich sehe den Mann deiner Träume
OT: You will meet a tall dark Stranger
USA / Spanien 2010 - 98 min.
Regie: Woody Allen - Drehbuch: Woody Allen - Produktion: Letty Aronson, Jaume Roures, Stephen Tennenbaum - Kamera: Vilmos Zsigmond - Schnitt: Alisa Lepselter - Verleih: Concorde - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Gemma Jones, Naomi Watts, Josh Brolin, Anthony Hopkins, Pauline Collins, Antonio Banderas, Freida Pinto, Ewen Bremner, Christian McKay, Lucy Punch, Anna Friel, Alex MacQueen, Christopher Fulford, Nicole Kidman
Kinostart (D): 02.12.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1182350/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2010/ich_sehe_den_mann_deiner_traeume/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21370/ICH-SEHE-DEN-MANN-DEINER-TR%C3%A4UME/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 19.05.2016

Nur Fliegen ist schöner

(FR 2015; Bruno Podalydès)
Trockenübungen mit Wasser von Wolfgang Nierlin

The Witch

(BR / CDN / USA / GB 2015; Robert Eggers)
Frommer Koller, toller Ton, gottloser Bock: hipper Horror von Drehli Robnik
kinostart: 12.05.2016

Remainder

(GB / D 2015; Omer Fast)
Reenactment als Trauerarbeit von Andreas Busche
kinostart: 05.05.2016

A Bigger Splash

(IT / FR 2015; Luca Guadagnino)
Schatten im Paradies von Wolfgang Nierlin

Remake, Remix, Rip-Off

(D / TR 2014; Cem Kaya)
Der große Verhau von Ulrich Kriest
kinostart: 28.04.2016

Ein Hologramm für den König

(USA, D, FRK, GB 2016; Tom Tykwer)
Tatsächlich nur das Offizielle von Ricardo Brunn

Wer hat Angst vor Sibylle Berg

(D 2015; Wiltrud Baier, Sigrun Köhler)
Und wenn sie kommt? Dann laufen wir! von Ulrich Kriest
kinostart: 21.04.2016

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Muskelspiele von Marit Hofmann

Chevalier

(GR 2015; Athina Rachel Tsangari)
Alle gegen alle und jeder für sich selbst von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Zeitalter der Liebe von Wolfgang Nierlin

Die Kommune

(DK 2015; Thomas Vinterberg)
Unsere kleine Farm von Ulrich Kriest
kinostart: 14.04.2016

Fritz Lang

(D 2015; Gordian Maugg)
Der andere in uns von Wolfgang Nierlin

Much Loved

(F/MA 2015; Nabil Ayouch)
Gesellschaftliche Doppelmoral von Wolfgang Nierlin

Nomaden des Himmels

(KG 2015; Mirlan Abdykalykov)
Das Erbe bewahren von Wolfgang Nierlin

Wild

(D 2014; Nicolette Krebitz)
Eingefangen, ausgewildert von Ulrich Kriest
kinostart: 07.04.2016

Ein Mann namens Ove

(SE 2016; Hannes Holm)
Blockwart mit Orientierungsproblemen von Julia Olbrich

Gestrandet

(D 2016; Lisei Caspers)
Klasse Kämpfe von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
bluray-start: 20.05.2016dvd-start: 20.05.2016

Louder Than Bombs

(NOR / F / DK 2015; Joachim Trier)
Mit Luhmann im Kino von Ulrich Kriest
bluray-start: 12.05.2016dvd-start: 12.05.2016

Bridge of Spies - Der Unterhändler

(USA 2015; Steven Spielberg)
Blicke zur Brücke von Drehli Robnik
bluray-start: 29.04.2016dvd-start: 29.04.2016

Knock Knock

(USA, CHI 2015; Eli Roth)
Die Lust an der Zerstörung von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 22.04.2016dvd-start: 22.04.2016

Carol

(GB / USA 2015; Todd Haynes)
Schmerzlicher Befreiungsschlag von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 07.04.2016dvd-start: 07.04.2016

Das brandneue Testament

(B/F/LU 2015; Jaco Van Dormael)
Der Gorilla, die Deneuve und Gott von Manfred Riepe

Macbeth

(GB 2015; Justin Kurzel)
Fremdkörper im Bilderrausch von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 07.04.2016

Hördur - Zwischen den Welten

(D 2015; Ekrem Ergün )
Kino auf Psychopharmaka von Ricardo Brunn
bluray-start: 01.04.2016dvd-start: 01.04.2016

Ewige Jugend

(I / F / GB 2015; Paolo Sorrentino)
Sehnsüchtige Statisten im Theater des Lebens von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 24.03.2016dvd-start: 24.03.2016

Mia Madre

(I 2015; Nanni Moretti)
Gefühle kennen keine Dramaturgie von Ilija Matusko
bluray-start: 16.03.2016dvd-start: 16.03.2016

Irrational Man

(USA 2015; Woody Allen)
Bauchgefühl und Schnapsidee von Wolfgang Nierlin
bluray-start: 11.03.2016dvd-start: 11.03.2016

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein hessischer Held der Pflicht als Nazijäger und Bundes-Moses von Drehli Robnik

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Die Socken sind kariert! von Dietrich Kuhlbrodt

Der Staat gegen Fritz Bauer

(D 2015; Lars Kraume)
Ein großes thematisches Paket von Manfred Riepe

Thief - Der Einzelgänger

(USA 1981; Michael Mann)
Man(n) at Work von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 26.02.2016

Die Akte General

(D 2016; Stephan Wagner)
Nochn Bier von Dietrich Kuhlbrodt

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

"Gegen den Mainstream des Vergessens"

Interview mit Lars Kraume über seinen Film "Der Staat gegen Fritz Bauer"

von Wolfgang Nierlin

"Ohne Provokation geht die Welt nicht weiter"

Andreas Dresen im Gespräch über seinen Film "Als wir träumten"

von Wolfgang Nierlin

texte

Gegen die Gesellschaft, für das Glück

Zum Werk Eloy de la Iglesias

von Nicolai Bühnemann

Best of Kinojahr 2015

Die Oscars der Filmgazette

Peter Kern (13.2.1949 - 26.8.2015)

Der kompromisslos-radikale Autorenfilmer war ein aus der Zeit gefallenes Relikt

von Ulrich Kriest

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn